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Das Getreide als Ausgangspunkt des Systems. | |
Unsere nationalökonomische Litteratur hat bekanntlich damit begonnen, jene Massregeln zusammenzustellen, durch welche eine möglichste Steigerung des Geldreichtums im einzelnen Lande bewirkt werden konnte. Es ist deshalb aus historischen Gründen gewiss verständlich, dass die Nationalökonomen fast bis zur Gegenwart häufig die Erscheinungen und Funktionen des Geldes im Volkskörper der grössten Sorgfalt würdigten und mehr als einmal versprochen haben, durch ausschliesslich geldwirtschaftliche Massnahmen alle Leiden dieser Welt zu heilen. Man wird indes gewiss zugeben, dass das Getreide, das Brot, das weitaus unentbehrlichere für den Menschen ist. Ohne Metallgeld hat die Wirtschaft der Menschen wahrscheinlich Jahrtausende hindurch bestanden. Ohne Getreide ist das Leben der Menschen undenkbar. Wenn also die Wirtschaftslehre überhaupt einseitig aufgebaut werden könnte, so wäre das als Lehre vom Getreide, nicht aber als Lehre vom Gelde möglich. Die heute so oft noch ausschliesslich geldwirtschaftliche Auffassung der politischen Oekonomie gleicht einer Bautechnik, welche die Lehre von den Fundamenten vergessen hat.
Jene gewaltigen historischen Ereignisse, welche wir
mit dem Worte „Völkerwanderungen“ zusammenfassen,
waren im Grunde getreidepolitische Massnahmen. Die
historisch – dogmatische Spezialgeschichtsschreibung hat zwar
annehmen zu müssen geglaubt, dass die germanische Völkerwanderung nicht aus einem Mangel an Getreide, sondern
aus einem Mangel an Weideplätzen hervorgegangen
sei. Eine Reihe von höchst wichtigen Gründen zwingen
uns indes, die einschlägigen Stellen bei Strabo, Cäsar,
Tacitus und Plinius umzudeuten. Die Ernährungsphysiologie lehrt nach Voigt, dass eine Ernährung des Menschen mit ausschliesslich animalischer Kost unmöglich sei, dass
aber ganze Völker schon mit Vorteil nur von Getreidekost
gelebt haben, weil das Getreide die zur Ernährung des
Menschen notwendigen Grundstoffe in der rationellsten
Mischung enthält. Die indogermanische Sprachforschung
zeigt, dass das Wort „Milch“ kein gemeingermanisches
Wort ist. Die neuesten Untersuchungen von Eduard
Die Wanderungen der Israeliten, von denen Moses in
seinem ersten Buche erzählt und die sich auf Abraham,
Isaak und Jakob beziehen, haben ausnahmslos den Mangel
an Getreide zur Veranlassung, und der Zug richtet sich
stets nach einer Gegend „wo Getreide und Wein genug
war“. Was die ältesten römischen Ueberlieferungen uns
als ver sacrum erhalten haben, zeigt uns nach ungünstigen
Erntejahren die Ausrüstung der Jungmannschaft, die sich
in anderen Gegenden eine neue Heimat suchen. Für die
sogenannten Siebenbürgischen Sachsen in
Ungarn ist es aktenmässig nachgewiesen, dass sie in
den beiden Jahren 1144 und 1151 infolge von Hungers Wie leicht den weniger genau unterrichteten Zeitgenossen diese wandernden Getreidebauern als Viehhirten erscheinen, wird wohl nirgends besser als im 1. Buche Moses 46. Kapitel 1. bis 34. Vers belegt. Jakob wandert in den Zeiten der Teuerung aus Kanaan mit seiner ganzen Familie und mit allem, was sie mitnehmen konnten, nach Aegypten, und Joseph zieht ihnen entgegen, um ihnen zu raten, dass sie zu Pharao sagen, sie und ihre Väter seien immer Viehhirten gewesen — dann würden sie im Lande Gessen wohnen dürfen! Der Segen Isaaks für Jakob aber beginnt mit dem Satze: „Gott gebe dir vom Thau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde einen Ueberfluss an Getreide und Wein.“ Die an diese Periode der Getreidepolitik der Wanderungen sich anschliessende Epoche der Politik der Getreideläger kommt mit dem Fortschreiten des Verkehrs und dem immer stärkeren Ueberwiegen der geldwirtschaftlichen Verhältnisse leicht zu Zuständen, in welchen die fundamentale Bedeutung einer richtigen Getreidepolitik verkannt und vergessen wird. Wie hart und empfindlich sich indes eine solche Vernachlässigung der Getreidepolitik bei dem Niedergange der Völker rächt, tritt vielleicht nirgends so scharf uns entgegen, als in der Geschichte des gewaltigen römischen Weltreiches.
Aber nicht nur die römischen Kaiser, auch die
römischen Götter sind dem Getreide nachgewandert.
Ceres gehörte in dem alten Rom zu den höchsten Gottheiten und wurde insbesondere verehrt als Beschützerin der
Halmfrucht und der Ehe. Als aber der Getreidebau auf
der italischen Halbinsel mehr und mehr zurückgegangen
war, erscheint auf den gelegentlich geprägten Denkmünzen
auf einmal Ceres nicht mehr allein, sondern in Begleitung
der Göttin Annona, welche an einem Schiffsvorderteil
lehnt und gewissermassen als Abgesandte der Ceres jene
Getreidemenge repräsentiert, welche von fremden Ländern
über das Meer zur Ergänzung der heimischen Getreideernten nach Rom zugeführt wurde. Als aber die
überseeischen Getreidezufuhren bald immer ausschliesslicher das
Im Verlaufe der Geschichte eines Volkes bietet vielleicht
nichts so sehr den bezeichnendsten Ausdruck der auf
einander folgenden Ereignisse und der gesamten kulturellen
Entwickelung, als die Bewegungslinie der Getreidepreise. In der beiliegenden Kurve finden sich
die Weizenpreise in Strassburg für die letzten 500
Jahre in Jahresdurchschnitten wie in 31jährigen Durchschnitten aufgezeichnet. Die 31jährigen Durchschnitte
wurden hier für jedes Jahr berechnet und dann auf das
16. Jahr der Reihe eingetragen. Zu Anfang und zu Ende
fallen diese 31jährigen Durchschnitte mit den 29jährigen,
27jährigen, 25jährigen . . . . bis 3jährigen Durchschnitten
für die letzten drei Jahre ab. Die der Bewegung der
Jahresdurchschnitte in Fällen ausserordentlicher Zickzackschwankungen beigegebenen Erläuterungen bezeugen, wie
in allen diesen Fällen in der That jede solche Zickzackschwankung mit ganz bestimmten einschneidenden
Ereignissen in innigster Verbindung steht. So folgen in der
Reihe dieser Linie als besondere Ereignisse die Hugenottenkriege, der dreissigjährige Krieg, die Eroberungskriege
Ludwigs XIV., der pfälzische Erbschaftskrieg, der spanische
Es darf deshalb gesagt werden, dass das Getreide die wichtigste Güterkategorie der menschlichen Wirtschaft ist. (Vergleiche das ausführliche Referat unseres Mitarbeiters Dr. Armin Tille „Getreide und Geld“ in Conrad’s Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik Band 20, 1900. S. 721 bis 754.) Wie die Produktion früher ist als der Verkehr, so ist
das Getreide früher als das Geld. Weil aber auch in der
Epoche vor der Einführung des Geldes für mancherlei
Zwecke ein Zahlungsbedürfnis besteht, so werden die vorhandenen und leichter entbehrlichen Güter in eine allgemein
anerkannte Wertscala eingereiht, die uns für die früheste
Zeit der germanischen Geschichte namentlich durch die
Bussgeldbestimmungen der alten Volksrechte überliefert
worden ist. So ist z. B. nach der lex Ripuaria aus
dem 7. Jahrhundert Titel 36, 11 und 12 das Wehrgeld
eines freien Ripuariers gleich 200 Schilling. Und diese
200 Schilling werden „gut gemacht“ mit 20 Kühen, 1 Stier,
10 Hengsten, 1 wilden Habicht, 1 Schwert ohne Scheide
und 1 Brünne. Die keltisch-irische Wertscala setzt
1 Sclavin gleich 3 Unzen Silber, 1 volljährige Kuh gleich
1 Unze Silber, 1 junge Kuh mit 3 Jahren gleich 1⁄2 Unze
Silber gleich 12 screapalls (scripulus) und 1 Jährling gleich
4 screapalls. In beiden Fällen ist Edelmetall und Geld in
der Wertscala genannt. Aber es wäre irrig, anzunehmen,
dass die Ripuarier und Kelten sich des Silbers und des
Schillings als Zahlungsmittel bedient hätten. Nein, Ripuarier
wie Kelten zahlten mit Sclaven, Kühen, Stieren, Hengsten
u.s.w. Das Getreide fehlt noch, aber nicht deshalb, weil
Ripuarier und Kelten es nicht gekannt hätten, sondern weil
die Getreideproduktion kaum regelmässig über den eigenen
unmittelbaren Bedarf hinausreichte. Das wird mit der Dauer
der Besiedelung des Landes und mit der fortschreitenden
Bebauung desselben anders. Das Capitulare Saxonicum
vom 8. Jahrhundert und die lex Saxonum führen bereits
Hafer und Roggen an. In einer St. Galler Urkunde
Aber auch dort, wo das Edelmetall beginnt, seine
Funktion als Geld anzutreten, steht vielfach das Getreide
als Vermittlerin dieser Funktion für Gold und Silber. Nach
Man ersieht aus all dem, in welch gewaltigem Umfange die ganze formelle Ordnung unseres Metallgeldes auf dem Getreide ruht. (Vergleiche hierzu insbesondere das ausgezeichnete Referat von Prof. Dr. August Oncken „Was sagt die Nationalökonomie als Wissenschaft über die Bedeutung hoher und niedriger Getreidepreise?“ 1901.) Wenn das Getreide in der That eine so hervorragende Rolle in dem Leben der Völker spielt, dann kann seine Bedeutung hier unmöglich zum ersten Male ausgesprochen sein. Vielmehr müssen sich gerade in der besten nationalökonomischen Litteratur eine Reihe von Aeusserungen der gleichen Art finden, was die Spezialforschung vollkommen bestätigt hat. Aus der merkantilistischen Litteratur sind es insbesondere:
W. Stafford (1581), A. Montchrétien de Vatteville (1615), Véron de Forbonnais (1754),
welche auf die ausschlaggebende Bedeutung der Getreidepreisbewegung für die volkswirtschaftliche Entwickelung
nachdrücklichst verweisen. Der Stifter des physiokratischen
Systems François Quesnay hat seiner im Jahre 1766
veröffentlichten grundlegenden „Analyse du Tableau Economique“ einen durch Xenophon dem Socrates in den Mund gelegten Ausspruch als Motto vorangestellt,
welcher lautet: „Wenn der Ackerbau gedeiht, so gedeihen
mit ihm alle anderen Künste, geht er aber zurück, so verfallen mit ihm auch alle anderen Erwerbszweige, sei es zu
Lande, sei es zu Wasser.“ Das Gedeihen des Ackerbaus
ist nach Quesnay aber von guten Getreidepreisen, welche
dem Landwirt einen reichlichen Gewinn lassen, unzertrennlich.
Der berühmte Vorläufer von Adam Smith Josiah Tucker
(1711 bis 1799) hat schon sein Gesetz normaler volkswirtschaftlicher Entwickelung dahin formuliert, dass mit
dem Steigen der Kultur „die Bodenproduckte im
engeren Sinne teurer, die Kapitals- und Arbeitsprodukte aber wohlfeiler werden“. Adam Smith hat
Die gleiche Anschauung hat bekanntlich auch Fürst
Bismarck schon am 21. Mai 1879 im deutschen Reichstag mit folgenden Worten vertreten: „Wir alle erinnern
uns, dass vor 12 und 20 Jahren die Kornpreise sehr viel
höher waren als heute, und dass dennoch damals in allen
Die Wirklichkeit bestätigt diese Auffassung überall. Im Innern der Kornkammer von Indien z. B. kostet eine Tonne Weizen durchschnittlich 22 bis 26 Mark. Im Innern der Kornkammer von Russland erhöht sich dieser Preis etwa auf 30 Mark. Ein Durchschnittspreis für die Tonne Weizen im Innern von Argentinien darf auf 70 bis 80 Mark angegeben werden. Die Farmer des Westens in Nordamerika behaupten, erst bei einem Preise von 150 Mark per Tonne Weizen ökonomisch gesichert zu sein. Und als normale Weizenpreise für Berlin berechnen sich rund 200 Mark per Tonne. Spezial-statistische Untersuchungen der neueren und
neuesten Zeit beschäftigen sich mit dem Einfluss der
Getreidepreise auf die Arbeitslöhne, auf
die Preise der wichtigsten Lebensmittel
anderer Art, auf die Bevölkerungsbewegung
Die täglichen Beobachtungen der Preisveränderungen
auf den wichtigsten Getreide- und Fleischmärkten der Erde
haben besonders im Winter und Frühjahr 1901/1902 die
innige Wechselbeziehung der Preise für die verschiedenen
Getreidearten unter einander wie Weizen, Mais, Hafer,
Gerste und Roggen, wie auch die Wechselbeziehung zwischen
den Preisen für diese Getreidearten einerseits und für
Schweinefleisch und Schweinefleischprodukte andererseits
besonders scharf hervortreten lassen. So wurde z. B. in
den Börsentelegrammen aus Nordamerika im Monat März
1902 an 25 Markttagen 22 mal die Erklärung der Preisveränderungen für eine der Hauptgetreidearten oder für die
Fleischwaren ausdrücklich auf analoge Preisveränderungen
der anderen Getreidearten bez. der Fleischwaren zurückgeführt. Infolge der Missernte in Mais im Herbst 1901
und der deshalb hohen Maispreise wurden nach Auffassung
der besten Sachverständigen Nordamerikas 50 bis 100
Millionen Bushels Weizen an Stelle des Mais in die Viehställe der nordamerikanischen Farmer zur Verfütterung an
das Vieh gedrängt. Im Leitercorner-Jahr 1897/98 wurden
bei hohen Weizenpreisen und billigen Maispreisen ganz
ausserordentlich grosse Maismehlmengen zur Vermischung
mit Weizenmehl verwendet. Sind die Roggenpreise unverhältnismässig billiger als die Weizenpreise, so versteht
es die moderne Mühlentechnik, eine Spezialmarke von
Roggenmehl herzustellen, welche zur Mischung mit Weizenmehl bei Herstellung von Weissbrot anstandslos verwendet
werden kann. Sind umgekehrt die Roggenpreise unverhältnismässig höher als die Weizenpreise, so wird eine
dementsprechend grössere Mischung des Roggenmehls mit dem
Weizenmehl für Roggenbrot vorgenommen. Dass hohe
Um auch dem Auge die Bestätigung dieser Ausführungen zu bieten, verweisen wir auf die Kurve auf Seite 184 und 185 welche von Januar 1900 bis Januar 1902 die Parallelbewegung zwischen den Maispreisen in New-York, den Schweineschmalzpreisen in New-York und den Preisen für lebende Schweine in Mannheim, Dresden und Berlin veranschaulicht, Die Klassiker der deutschen landwirtschaftlichen Litteratur: Albrecht Thaer, Alb. Block und Koppe haben alle landwirtschaftlichen Wertschätzungen und Berechnungen nicht nach Geldwerten, sondern nach Roggenwerten vorgenommen, weil Roggen in der Heimat dieser Schriftsteller die wichtigste Getreideart ist. Und heute noch setzt Prof. Dr. Theod. Frhr. von der Goltz in seiner landwirtschaftlichen Taxationslehre neben jede Geldwertziffer die entsprechende Roggenwertziffer ein, um damit seiner Ueberzeugung Ausdruck zu verleihen, dass das Getreide der eigentliche Normalmasstab für volkswirtschaftliche Vorgänge sei. Es ist eine bekannte Taktik der heutigen Freihändler, die organische und prinzipielle Bedeutung des Getreidebaus möglichst ausser Acht zu lassen und die Klagen über zu niedrige Getreidepreise als solche zu bezeichnen, welche durch Uebergang vom Getreidebau zur Viehzucht und zum Handelsgewächsebau von den Landwirten selbst am besten beseitigt werden könnten. Namentlich Lujo Brentano und seine Schule haben die Vertretung auch dieser Auffassung mit besonderem Eifer übernommen und verschiedentlich behauptet, dass Deutschland aus einer Reihe von Gründen seinen eigenen Brotgetreidebedarf gar nicht bauen sollte. Die Gefahr einer Hungersnot sei dabei um deswillen nicht in Rechnung zu ziehen, weil im Bedarfsfalle eine chemisch-technische Herstellung des Brotes mit Umgehung der landwirtschaftlichen Produktion kaum lange auf sich warten liesse. Es handelt sich anscheinend hier um ein sicheres Inaussichtstellen der rein technischen Lösung jenes alten, bis heute noch nicht vollbrachten Wunders, aus Stein Brot zu machen. Wir wollen auf nächster Seite diesen theoretischen Erwägungen gegenüber zunächst die Ziffern der Anbaustatistik für die grössten Kulturländer anführen, um die Flächen, welche heute mit Getreide, Hackfrüchten und Handelsgewächsen bestellt sind, kennen zu lernen. Mit der einzigen Ausnahme von England, das bekanntlich seinen Getreidebau dem Handel und der Industrie geopfert hat, nehmen also Getreide und Hülsenfrüchte zwischen 60 und 78% der gesamten Anbaufläche ein. Nach diesen Ziffern kann mithin kein Zweifel darüber bestehen, dass der Getreidebau der weitaus wichtigste Teil der landwirtschaftlichen Produktion ist.
Eine ausdrückliche Bestätigung findet diese Auffassung für Deutschland z. B. durch die Erfahrungen des Jahres 1893. Die Dürre dieses Jahres hat vom 1. Dezember 1893 den Rindviehstand überhaupt um 6,7%, die Tiere bis zu zwei Jahre alt um 17,1%, jene mit zwei und mehr Jahren um 1,3% abnehmen lassen. Diese Jungviehabnahme erreichte im Schwarzwaldbezirk Württembergs die Höhe von 36%. Man wird angesichts solcher Ziffern kaum sagen können, dass die deutsche Rindviehhaltung jene Grenze noch nicht erreicht hätte, welche ihr durch die natürlichen Verhältnisse gezogen werde. Aehnliche Vorgänge konnten im Jahre 1889/90 in den Vereinigten Staaten von Nordamerika
beobachtet werden. Im Verlaufe der 80er Jahre war man
sehr energisch bemüht, die Viehbestände zu vermehren.
Unter der damit stark wachsenden Nachfrage nach Zuchtvieh ist der Preis für einheimisches Vieh pro 100 Pfund
englisch von 18,48 M. im Jahre 1878 auf 26,25 M. im
Jahre 1882 gestiegen. Die nordamerikanische Viehzählungsstatistik, welche leider nur für die Jahre 1870, 1880, 1890
und 1900 vorliegt, zeigt für die sechs grossen getreidebauenden Staaten Indiana, Illinois, Jowa, Missouri, Kansas
und Nebraska von 1870/90 immer noch eine Zunahme der
Rindviehbestände von 3'252'000 auf 12'467'000 und für
die Weidestaaten des Westens ein Anwachsen von drei auf
acht Millionen. In diese damit bezeichnete Entwickelung
kam durch harte Winter und trockene Sommer eine Krisis,
deren Höhepunkt in das Jahr 1889 fiel, in welchem die
Die Verlegung des Schwerpunktes der landwirtschaftlichen Produktion auf die Viehzucht hat in der Regel ein
Hindrängen zur Frühreife mit starkem Abmelken der Kühe
zur Folge. Damit erhöht sich erfahrungsgemäss sehr
wesentlich die Empfänglichkeit der Tiere gegen Seuchen
und Krankheiten aller Art. Eben diese Seuchen haben
dann eine plötzlich eintretende Grenzsperre zur Folge, durch
welche die heimische Landwirtschaft um so schwerer geschädigt wird, je mehr sie sich auf den Export ihrer
viehwirtschaftlichen Produkte eingerichtet hatte. Einen beachtenswerten Beleg hierzu bietet uns Dänemark. Die
der Viehzucht günstigen Verhältnisse haben es mit sich
gebracht, dass die dänische Landwirtschaft schon vor dem
Jahre 1878 eine recht bedeutende Mehrausfuhr an lebenden
Tieren hatte. Dieselbe ist in den Jahren 1882 und 1883
auf 564'589 Stück gestiegen, um dann plötzlich in den
Jahren 1885 und 1888 auf 294'662 und 127'170 und bis
1896 sogar auf 81'505 Stück herabzusinken. Tierseuchen
hatten Grenzsperren von Seiten des Auslandes veranlasst.
Von Zeit zu Zeit kehrten diese Grenzsperren wieder. Die
dänische Regierung selbst schloss ihre Grenzen für die
Ausfuhr von lebendem Vieh, um dergleichen Massregeln
von Seiten des Auslandes zuvorzukommen. Die Ausfuhr
von lebendem Vieh kam durch diese Massregeln in eine
Krisis, welche dahin drängte, an Stelle der lebenden Tiere
tierische Produkte auf die fremden Märkte zu bringen.
Damit ist die dänische Landwirtschaft in Abhängigkeit zu
dem exportierenden Schlachtgewerbe getreten, das je nach
der Gestaltung seiner Organisation — wie insbesondere
auch wieder die neuesten Erfahrungen in Nordamerika
Im übrigen darf als bekannt vorausgesetzt werden, dass eine Zunahme in der Zahl der Viehbestände und in der Intensität der tierischen Produktion keineswegs etwa eine entsprechende Einschränkung des Getreidebaues zu Gunsten einer Zunahme der Weideflächen und Futterflächen zur notwendigen Voraussetzung hat. So ist in den Vereinigten Staaten der Getreidebau nicht zurückgegangen, obwohl uns die Viehstatistik eine steigende Entwickelung zeigt. Und ebenso stieg in Deutschland die Zahl von
1873 bis 1900
bei Pferden von 3 352 231 auf 4 195 261 Stück
" Rindvieh " 15 776 702 " 18 939 692 "
" Schweinen " 7 124 088 " 16 807 014 "
Zugleich betrugen die Nutzungsprozente der verschiedenen Kulturarten:
1883 1893 1900
Getreide und Hülsenfrüchte 60,1 60,9 61,0 %
Hackfrüchte 15,1 16,2 17,5 %
Futterkräuter 9,2 9,6 10,1 %
Handelsgewächse 1,3 1,0 0,7 %
Die Zunahme der Viehhaltung beruht also wesentlich auf intensiverer Kultur bei annähernd gleicher Nutzungsfläche.
„Krapp“ heisst die in der Färberei früher in grossem
Massstabe gebrauchte Wurzel der Färberröte (Rubia tinctorum),
deren wichtigster Farbstoff das Alizarin ist. Schon Karl
der Grosse soll den Krappbau in Frankreich eingeführt
haben. Er kam insbesondere im 16. Jahrhundert in Deutschland und zwar im Elsass, in Baden und in der bayerischen
Pfalz und dann auch in Holland zur Ausbreitung und taucht
im 18. Jahrhundert wieder in Frankreich auf, wo er sich
in dem lockeren sandigen Boden der Departements Vaucluse 1) Da gelang es in diesem Jahre 1868 den Chemikern
Karl Graebe und Karl Liebermann in Berlin,
1870 . . . 13 bis 14 Mark
1882 . . . 5,55 "
1888 . . . 1,70 "
1902 . . . 1,30 "
Der Preis für 50 Kilo getrocknete Krappwurzeln ist von 40 Mark auf 6 bis 8 Mark zurückgegangen. Der Krappbau ist deshalb heute fast vollständig verschwunden. Die früher mit Krapp bestellten Aecker aber tragen heute zumeist wieder Getreide. Waid (Isatis tinctoria) zum Blaufärben verwendet, wurde in Frankreich, Elsass, England und namentlich in Thüringen in ausgedehntem Masse angebaut. Die schon im 8. Jahrhundert berühmten fünf Waidstädte: Erfurt, Gotha, Langensalza, Tennstedt und Arnstadt hatten das Privileg, Waid zu bauen. Die Waidbauern wurden wegen ihrer grossen Wohlhabenheit „Waidjunker“ genannt. Da begann um die Mitte des 16. Jahrhunderts die
holländisch-ostindische Compagnie ostindische Indigopflanzen
nach Europa einzuführen, welche den Indigofarbstoff des
Waid in grösseren Mengen enthalten. Den „Waidjunkern“
erwuchs daraus eine höchst gefährliche Konkurrenz. Ihre
Interessen suchte man zu schützen durch eine Reihe von
staatlichen Massnahmen, mit deren Anwendung die
Königin Elisabeth von England begonnen
hat. Hohe Schutzzölle und absolute Einfuhrverbote wurden
Aber auch die Tage des amerikanischen und indischen Indigobaues sind gezählt. Im Jahre 1880 entdeckte der Münchener Professor A. Bayer die künstliche Darstellung des Indigoblau aus dem Steinkohlentheer. Seit Sommer 1897 kommt künstliches Indigo in den Handel. Die Preise für indisches Indigo fielen von 27 M. pro Kilo im September 1868 auf 12 M. pro Kilo im September 1900. Die weitere Entwickelung dieser Konkurrenz wird also kaum anders verlaufen, als die Konkurrenz zwischen Alizarin und Krappbau verlaufen ist. Der Flachs, auch Lein genannt (Linum usitatissimum) war als Kulturpflanze den Aegyptern in sehr früher Zeit bekannt. Es ist die älteste Handelspflanze Deutschlands. Schon zur Römerzeit wurde deutsche Leinewand nach Rom exportiert. Und vor dem 30jährigen Kriege war Deutschland das erste Land des Flachsbaues und der Leinenproduktion. Noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren verschiedene Marken deutscher Leinen beliebte Handelsartikel. Da kam die Erfindung der Baumwollspinnerei und
Weberei. Billige Baumwollstoffe und billiges Garn, in
1878 1883 1893 1900
0,51 % 0,41 % 0,23 % 0,20 %
des Acker- und Gartenlandes. In Nordamerika, wo sich
natürlich die gleichen Verschiebungen geltend machen, giebt
man den Flachsbau zur Fasergewinnung auf, um sich auf
die Leinsamengewinnung zu beschränken. Das Leinöl ist
Leinsamen in Bushels Flachsfaser in Pfund englisch
zu 36,35 Ltr. zu 0,45 kg
1845 562 312 7 709 676
1859 566 867 4 720 145
1879 7 170 951 1 565 546
1889 10 250 410 241 389
1901 26 170 000 50 000
Wie mit dem Flachsbau, so steht es auch mit dem Hanfbau. Nach der deutschen Anbaustatistik waren mit Hanf bestellt
1878 1883 1893
0,08 % 0,06 % 0,03 %
der gesamten Ackerfläche. Die Hanfpreise sind in Hamburg von 92 M. auf 28 M. bezw. 36 M. im Jahre 1894 und 1897 pro Metercentner gesunken, dann unter dem Einfluss einer schlechten Ernte im Jahre 1900 auf 63 M. gestiegen, um seitdem von Neuem wieder abzuflauen. Der Hopfen (Humulus), allen Völkern nördlich des
Himalaya bekannt, ist auch in Europa heimisch und zwar
besonders in Deutschland, England und Schweden. Als
Bierwürze soll er erst seit den Kreuzzügen verwendet und
angebaut worden sein. Die Heimat der berühmtesten
Hopfenqualität ist Böhmen und zwar das Gebiet der
Stadt Saatz. Von hier aus wurde anfangs des 14. Jahrhunderts der Hopfen nach Bayern und zwar speziell
nach Spalt eingeführt, wo er bald so viel Berühmtheit
in Bayern . . . . . . 26 233 Hektar
in Deutschland . . . . . 42 073 "
in Oesterreich-Ungarn . . . 16 099 "
in Frankreich . . . . . 4 081 "
in Belgien und Holland . . . 4 380 "
in Russland . . . . . . 3 800 "
in England . . . . . . 33 290 "
in Amerika . . . . . . 20 335 "
in Australien . . . . . 800 "
--------------
Zusammen auf der ganzen Erde 125 058 Hektar.
Die ökonomische Lage der Hopfenbauern ist heute aber
höchst bedauernswert. In Deutschland ist von 1895 zu
1900 bereits ein stetiger Rückgang des Hopfenanbaues eingetreten um jährlich ca. 1000 Hektar bis
auf 37'191 Hektar in 1900. Die Ernteerträge schwanken
1828 niedrigster Preis 20 Mark
1829 höchster " 720 "
1850 niedrigster " 150 "
1851 höchster " 750 "
1859 niedrigster " 380 "
1869 höchster " 1070 "
1875/76 niedrigster " 270 "
1876/77 höchster " 1240 "
1893/94 höchster " 700 "
1894/95 niedrigster " 200 "
Die Einfuhr - Handelspreise betrugen nach der amtlichen Reichshandelsstatistik
im Jahre 1898 400 Mark per Dz.
" 1901 170 " "
Die Hopfenproduktion ist also einem Lotteriespiele vergleichbar, bei dem jetzt die gewohnten Treffer ausbleiben. Eigentlich ist der Hopfenbau nur in solchen Wirtschaften am Platze, die auch ohne diesen Handelsgewächsbau gesichert sind. Sehr zutreffend schildert diese Situation das bayerische Bauernsprichwort:
Die Gründe aber für diese veränderte Bewegung der
Hopfenpreise sind leicht anzugeben. Der Rückgang der
Getreidepreise hatte international auch zu einer Ausdehnung
des Hopfenbaues und damit zur Ueberproduktion von Hopfen
Der Tabak (Nicotiana) wurde nach der Entdeckung
Amerikas von Spanien und England nach Frankreich,
Deutschland, Italien u.s.w. eingeführt. Die Tabakblätter
wurden in Frankreich zunächst allgemeiner als Schnupftabak
Geeignet ist der Tabakbau in Mitteleuropa heute fast
nur für den Kleingrundbesitzer, der die Arbeitskräfte fast
aller Familienglieder von den Kindern bis zum Grossvater
dabei in passender Weise verwendet. Wo Lohnarbeiter in
Betracht kommen, steigen die Produktionskosten so ausserordentlich, dass jede Rentabilität ausgeschlossen erscheint.
Nach der deutschen Enquête von 1878 schwanken aus
diesem Grunde die Produktionskosten pro Hectar von 384
bis 1768 Mark, während der Rohertrag pro Hectar nur
700 bis 800 Mark erreichte. Die Rentabilität des Tabakbaues war deshalb in der Hälfte aller untersuchten Betriebe
schlecht. Je nach der Qualität schwanken die Tabakspreise
ausserordentlich. Von der 1891er Ernte z. B. wurden in
der Pfalz 6 bis 52 Mark, in Baden 9 bis 49 Mark, in
Brandenburg 14 bis 66 Mark pro 100 kg ohne Steuern
Die Einfuhr ausländischer Tabake nimmt fortwährend zu. Gleichzeitig wächst die Verwendung von Tabaksurrogaten, von denen die Reichssteuereinnahme von 20'000 Mk. in den Jahren 1881/86 auf 55'000 Mk. im Jahre 1900 gestiegen ist. Eine nennenswerte Wieder-Ausdehnung des Tabakbaues scheint deshalb für Deutschland ausgeschlossen. Raps (Brassica napus) und Rübsen (Brassica rapa) sind seit alter Zeit in Mitteleuropa die wichtigsten Oelfrüchte. Insbesondere der Raps wurde in den 50er Jahren unseres Jahrhunders in ausgedehntem Masse als „cash crop“ (Geldfrucht) zur Bezahlung grösserer Forderungen an bestimmten Terminen auf grösseren, mittleren und kleineren Gütern angebaut, trotzdem das Wetter wie auch Krankheiten und tierische Feinde den Ertrag leicht gefährdeten. Raps- und Rüböl wurde hauptsächlich als Brennöl, dann auch als Schmieröl und zur Seifensiederei und endlich von der ärmeren Bevölkerung öfter als Speiseöl verwendet. Durch die Einführung von Petroleum, Gas und
elektrischem Lichte ist das Rüböl von der Verwendung zu Leuchtzwecken fast völlig verdrängt worden.
Der Branntwein wurde ursprünglich nur in kleinen
Mengen als Heilmittel aus Wein hergestellt. In grösseren
Mengen wurde er zuerst von den südspanischen Arabern
erzeugt, welche darin die Lehrmeister der Italiener wurden,
die den Branntwein im 14. Jahrhundert als Handelsartikel
über die Alpen brachten. Wahrscheinlich ist im 15. Jahrhundert die Bereitung des Branntweins aus Getreide
aufgekommen. Seine Herstellung aus der Kartoffel (Solanum
tuberosum) wird zuerst 1682 erwähnt, nachdem diese Pflanze
um die Mitte des 16. Jahrhunderts aus Peru nach Europa
eingeführt worden war. Die erste Kartoffelbrennerei soll
1750 zu Monsheim in der Pfalz errichtet worden
sein. Bis etwa zum Jahre 1840 war die Branntweinbrennerei vorzugsweise ein städtisches Gewerbe, das beinahe
ausschliesslich Getreide verarbeitete. Mit dem immer mehr
Speziell in Deutschland waren 1887/88 6268 Kartoffelbrennereien, welche 2'009'416 Tonnen Kartoffeln
verarbeiteten. Im Betriebsjahre 1896/97 wurden nur noch
5571 Kartoffelbrennereien betrieben, die zusammen 2'116'139
Tonnen Kartoffeln verbrauchten. Inzwischen ist bis 1900
die Zahl der Kartoffelbrennereien wieder auf 6334 mit
2'502'000 Tonnen Kartoffelverarbeitung gestiegen. Aber
da der Spiritusverbrauch mit dieser Vermehrung nicht
gleichen Schritt hielt, so steht das Gewerbe gegenwärtig
vor einer Kalamität, die zu einer intensiven, auf Produktionsbeschränkung gerichteten Bewegung
Die Zahl der Getreidebrennereien ist von 5677 in 1891 auf 8688 in 1900 gestiegen, dagegen der Getreideverbrauch von 491'000 auf 364'000 Tonnen gesunken. Hier hat also der Zuwachs in der Zahl der Betriebe den durchschnittlichen Umfang derselben verkleinert. In der Schweiz hat man durch das Gesetz vom 23. Dezember 1886 1443 kleine und 7 Grossbrennereien aufgehoben und nur Betriebe mit einer Jahresproduktion von 150 bis 1000 hl beibehalten oder neu zugelassen. In England, dem Lande der Grossbetriebe, erreicht die jährliche Durchschnittsproduktion der Brennereien nach Jul. Wolf 25'000 bis 30'000 hl und die grösste sogar über 80'000 hl. Trotz der ungünstigen Preislage des Branntweins bei fortwährendem Rückgange der Ausfuhrziffer hat sich die gesamte Jahresproduktion in Deutschland seit 1888 auf über 4 Millionen Hectoliter gesteigert. Man versuchte den Ausfuhrverlust durch die Steigerung des Verbrauchs für gewerbliche Zwecke auszugleichen, was aber bisher nicht in dem erforderlichen vollen Masse gelungen ist. Aber wenn auch nach dieser Richtung noch wesentliche Fortschritte zu erwarten sind, so könnte damit doch höchstens für den gegenwärtigen Produktionsumfang ein gesicherter Absatz geschaffen werden; für eine künftig etwa noch weitere Steigerung der Produktion könnte man dadurch in absehbarer Zeit jedenfalls keinen Absatzraum schaffen. Die Zuckerrübe ist eine Kulturvarietät der Runkelrübe
(Beta vulgaris), die an den Küsten des mittelländischen Meeres heimisch ist. Im Jahre 1747 hat der Chemiker
Marggraf in Berlin Rohzucker in der Runkelrübe nach ![]()
in Deutschland . . . . . . 23 000 000 Dz
" Oesterreich-Ungarn . . . . 13 060 000 "
" Frankreich . . . . . . 10 800 000 "
" Russland . . . . . . . 11 040 000 "
" Belgien . . . . . . . 3 250 000 "
" Holland . . . . . . . 2 040 000 "
" Schweden . . . . . . . 1 214 000 "
" Dänemark . . . . . . . 575 000 "
Andere europäische Länder . . . 2 000 000 "
Die europäische Rübenzucker-Industrie hat also bereits solchen Umfang angenommen, dass sie mehr als die Hälfte ihrer Produkte im Auslande absetzen muss. Hier begegnet ihr als Konkurrent die aussereuropäische Rohrzuckerproduktion, welche früher die grössere Hälfte Zucker für den internationalen Austausch lieferte, seit dem Jahre 1882/83 aber von der internationalen Rübenzuckerproduktion überflügelt worden ist. Es war nämlich die
Rohrzuckerproduktion die Rübenzuckerproduktion:
für den Weltmarkt:
in 100 kg in 100 kg
1871/72 18 689 930 10 513 500
1882/83 22 462 940 22 550 080
1896/97 28 786 000 48 211 920
1900/01 35 024 650 58 485 156
Schon aus diesen Ziffern geht hervor, dass die Rübenzuckerproduktionsländer in den letzten Jahren sich offenbar
die schärfste Konkurrenz selbst bereiten. Die Regierungen
der einzelnen Länder begünstigten und förderten ihre Zuckerrüben-Industrie bisher auf verschiedene Weise, besonders
aber durch Gewährung mehr oder minder
in Deutschland auf 2 M. 21 Pf.
" Oesterreich-Ungarn " 4 " 31 "
" Frankreich " 11 " 78 "
" Russland " 14 " 84 "
" Belgien " 3 " 71 "
" Schweden " 15 " 14 "
Die Höhe dieser Prämien, welche zu verschiedenen Zeiten verschieden waren, veranlassten im Zusammenhange mit dem Darniederliegen der anderen landwirtschaftlichen Produktionszweige einen Andrang zum Rübenanbau und eine Vergrösserung der Leistung der einzelnen Fabriken. Die durchschnittliche Verarbeitung an Rüben pro Fabrik in Deutschland betrug:
im Jahre 1836/37 . . . 2 077 Dz
" " 1870/71 . . . 100 681 "
" " 1897/98 . . . 341 004 "
" " 1900/01 . . . 335 542 "
Die Zahl der deutschen Zuckerfabriken ist im Jahre 1870/71 um 67, im Jahre 1884/85 um 32 gewachsen. Die anderen Länder Europas haben in dieser Entwickelung der Rübenzucker-Industrie kaum geringere Fortschritte gemacht. Das durchschnittlich verarbeitete Rübenquantum pro Fabrik war
im Jahre 1897/98 im Jahre 1900/01
in Deutschland 341 004 Dz 335 542 Dz
" Oesterreich-Ungarn 317 573 " 347 792 "
" Frankreich 184 920 " 261 001 "
" Russland 256 500 " 232 909 "
" Belgien 144 950 " 232 359 "
" Holland 295 424 " 382 812 "
" Schweden 448 137 " 541 125 "
1886/87 . . . . . 22,70 M.
1890/91 . . . . . 26,40 "
1895/96 . . . . . 21,80 "
1900/01 . . . . . 19,50 "
1901/02 . . . . . 13,70 "
Was aber diese Situation der europäischen Rübenzuckerindustrie für die Zukunft besonders bedenklich erscheinen
lässt, das ist der Umstand, dass das gewaltige Exportbedürfnis für mehr als die Hälfte der Gesamtproduktion
bisher in der Hauptsache auf den Absatz in den Vereinigten Staaten von Amerika und in
England angewiesen war und dass eben diese beiden Länder
auf dem besten Wege sind, ihren Zuckerbedarf selbst zu
produzieren. Es ist bekannt, dass die Vereinigten Staaten
früher eine jährliche Zuckereinfuhr von über 18 Millonen
Centnern hatten, bevor sie unter dem Einflusse der nordamerikanischen Zucker-Interessenten Hawai, Portorico
und die Philippinen sich einverleibten und ihren gebieterischen Einfluss auch auf Cuba ausdehnten. Alle
diese Gebiete gehören gerade zu den bedeutendsten Rohrzucker-Produktionsländern der Erde, mit einer heute bereits
auf über 25 Millionen Centner gesteigerten durchschnittlichen Gesamtproduktion an Rohrzucker. Die
Rohrzuckergewinnung war früher in ihrer Technik weit hinter modernen
Anforderungen zurückgeblieben. Die Energie und Erfindungs Dieser Entwickelung zur Grossindustrie wird nunmehr bald gänzlich der Exportabsatz genommen sein, und es ist daher gänzlich ausgeschlossen, dass in einer etwa noch weiteren künftigen Steigerung des Rübenbaues ein Ersatz für den Getreidebau gefunden werden könne. Die Resultate dieser historischen Betrachtung des Handelsgewächsbaues lassen sich in folgende Sätze zusammenfassen: Der Krappbau wurde ruiniert durch die synthetische Herstellung des Alizarins. Der Waidbau wurde ruiniert durch die Einfuhr der Indigopflanze, und die Indigopflanzen werden wohl demnächst ruiniert durch die synthetische Herstellung des Indigo.
Der Hopfenbau hat besonders durch stark steigende Einfuhr unter stets sinkender Ausfuhr und auch durch technische Fortschritte der verschiedendsten Art in der Bierbrauerei und Hopfenkonservierung seine frühere gute Rentabilität verloren. Der Tabakbau ist in Deutschland nur noch für jene Kleingrundbesitzer ratsam, bei denen alle Familienglieder zusammenarbeiten, denn auch hier erdrückt die Einfuhr die heimische Produktion. Der Rapsbau ist durch technische Erfindungen auf dem Gebiete des Beleuchtungswesens unrentabel geworden und wird, soweit Raps noch gebraucht wird, durch die Einfuhr ersetzt. Der Kartoffelbau zur Branntweinbereitung ist bereits bis zu einer Ausdehnung gelangt, die eine absolute Ueberproduktion darstellt, und es muss, wenn das Gewerbe halbwegs rentabel bleiben soll, nicht nur keine künftige Steigerung, sondern eine starke Beschränkung der Produktion herbeigeführt werden. Der Zuckerrübenbau geht insbesondere seit Abschluss der Brüsseler Konvention mit dem drohenden Ende der Zuckerausfuhr einer schweren Krisis entgegen. Hier ist also nirgends Raum für Einschränkung des Getreidebaues zu Gunsten des Handelsgewächsbaues. Gerade der Handelsgewächsbau erscheint vielmehr in allen seinen Teilen weit stärker bedroht, als der Getreidebau. All unsere nationalökonomischen Schulsysteme sind
bekanntlich aus dem praktisch-politischen Bedürfnis ihrer
Zeit hervorgegangen. Deshalb lässt sich das Merkantilsystem als ein Finanzsystem, das physiokratische als ein
agrarpolitisches, das Adam Smith’sche System als ein
handelspolitisches System, der Marxismus als ein System
der Arbeiterpolitik bezeichnen. Wir haben den vorausgeschickten entwickelungsgeschichtlichen Betrachtungen
entnommen, dass das uns heute fehlende neue System der
Nationalökonomie voraussichtlich ebenfalls ein System der
Arbeiterpolitik sein wird, das indes nicht von dem viel
zu engen Begriffe der Lohnarbeit, sondern von dem
Totalbegriff der Arbeit im volkswirtschaftlichen
Sinne ausgehen wird. Der Schwerpunkt dieser Betrachtungen ruht also im selbständigen Arbeiter, in der locatio
conductio operis, im selbständigen Mittelstande. Da
Schmoller in seiner „Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert“ den wichtigen Nachweis
erbrachte, dass der gewerbliche Mittelstand sich nur auf dem
Rücken eines wohlgesicherten Bauernstandes zu erhalten
vermag, rückt der Schwerpunkt dieser Art von Arbeiterpolitik in seiner weiteren Betrachtung in die bäuerlichen
Verhältnisse ein. Diese Art von Arbeiterpolitik
gewinnt somit einen agrarpolitischen Charakter.
Damit ist unzweifelhaft eine gewisse Analogie zu dem
physiokratischen System von Quesnay gegeben, dessen
Ausgangspunkt bekanntlich der Grund und Boden
war. Noch heute ist man ziemlich allgemein der Anschauung, dass die Verhältnisse des Grundbesitzes den
eigentlichen Inhalt agrarpolitischer Erwägungen ausmachen.
Uns scheinen hier jedoch folgende Bedenken beachtenswert.
Nur die landwirtschaftlich benutzte Bodenparzelle hat An Die Worte agrarisch und Agrarpolitik stammen von
dem lateinischen „ager“. Das gleiche Wort heisst im
indogermanischen „agros“, Feld, Acker, im Sanskrit
„ajras“, Feld, Acker, im griechischen „agros“, im gothischen
„akrs“, althochdeutsch „ahhar“. Das Wort „agros“ aber
stammt von der Wurzel „ag“, „treiben“ und bedeutet:
„wo das Vieh getrieben wird“ — also die „Ackerfurche“,
nicht aber die „Trift“, wie Fieck, Kluge u. a. angeben. Im hebräischen finden wir hierfür das Wort
„ichchar“ oder „ikar“ von „achar“ „graben“,
„Ackersmann“, „Landmann“. Im äthiopischen „agr“ als „ager
cultus“, im syrischen „akra“ „Landmann“, im arabischen
„achar“, graben, der „Graber“, der „Landmann“. Also
die hebräische, äthiopische, syrische und arabische Sprache
leiten ihr Wort für „Acker“ von „graben“ ab. Das ist
die älteste Form des Ackerbaus vor der Erfindung des
Pfluges und dem Anspannen des Rindes, der „Hackbau“,
wie ihn Eduard Hahn genannt hat, während Sanskrit,
lateinisch, griechisch und althochdeutsch das Wort „Acker“
von der Pflugfurche ableiten, in der das Vieh getrieben
wird. Das Wort „ager“ bezieht sich also in der That nur
auf den landwirtschaftlich bearbeiteten Boden. Der Boden
hört auf mit dem Worte „ager“ in Beziehung zu stehen,
sobald er der landwirtschaftlichen Kulturarbeit entrückt ist.
Die Hacke und der Pflug ziehen scharf die Grenze für
*) Vergl. „Monatliche Nachrichten zur Regulierung der Getreidepreise“ Mai 1901, Wochenschrift „Getreidemarkt“ 9. April und 23. Juli 1902. Hermann Berg, „Getreidepreise und Kriminalität in Deutschland“ 1902 und die hier angegebene Litteratur. 1) Auf Seite 184/185 der Originalausgabe ist diese „Uebersichtskurve zu Seite 177“ abgedruckt. |
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