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Entstehungsgeschichte und Kritik der |
Litteratur. Das Beste, was wir darüber besitzen, ist zweifelsohne auch heute noch die Schmoller’sche Abhandlung: „Das Merkantil - System in seiner historischen Bedeutung“, zuerst 1884, jetzt in „Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs- Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte“ 1898 separat erschienen. Vergleiche ferner Schönberg, Handbuch der politischen Oekonomie, Band 1, Seite 88 ff., 4. Auflage, 1896. Adolf Wagner, Finanz - Wissenschaft, Band I, Seite 30 ff., 3. Auflage, 1883. J. Conrad’s Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Artikel Merkantil - System, ferner Conrad, Leitfaden, 1. Teil, 3. Auflage. Wilhelm Roscher: Versuch einer Theorie der Finanz-Regalien, 1884. Von den historischen Spezialwerken sind hier insbesondere zu beachten: Ehrenberg, „Das Zeitalter der Fugger“, 1. und 2. Band, 1896; Max Jähns, „Heeresverfassung und Völkerleben“, 1885 und A. Gottlob, „Die päpstlichen Kreuzzugssteuern des 13. Jahrhunderts“, 1892. Vergleiche ferner die Geschichte der nationalökonomischen Theorien: Böhm-Bawerk, Kapital und Kapitalzins, 2 Bände, 1884 und 1889. Aug. Oncken-Bern, Was sagt die Nationalökonomie als Wissenschaft über die Bedeutung hoher und niedriger Getreidepreise, 1901, und Aug. Oncken-Bern, Die Geschichte der politischen Oekonomie, Band 1; Die Periode vor Adam Smith, 1902.
Antonio Serra, breve trattato della cause, che possono far abondare gli regni d’oro e d’argento, dove non sono miniere, Napoli 1613. Antonio Broggia, trattati dei tributi e delle monete, 1743. Antonio Genovesi, Lezioni di Commerzio e di Economia civile, 1760. Deutsch: Leipzig 1776. Thomas Mun, a discourse of trade from England into the East Indies 1609, 2. Aufl, 1621. Dann: Englands treasure by foreign trade or the balance of our foreign trade is the rule of our treasure, 1664. Josiah Child, Observations concerning trade and interest of Money, 1868 und: A new discourse of trade, 1690. William Temple, Considerations sur le Commerce et l’argent, 1672. François Mélon, Essais polit. sur le commerce, 1731; deutsch: Jena 1740. In Deutschland sind zu nennen: Kaspar Klock, Tractatus economico - politicus de contributionibus 1632 II de aerario. Veit. Ludw. von Seckendorff, Der teutsche Fürstenstaat, 1655, zuletzt 1754. Johann Joachim Becher, Politischer Discurs von den eigentlichen Ursachen des Auf- und Abnehmens der Städte, Länder etc., 1668. W. von Schröder, Fürstliche Schatz- und Rentkammer, 1686. Die merkantilistische Praxis finden wir im 17. und 18. Jahrhundert, ohne Einseitigkeit besonders unter Colbert (1619 bis 87), sehr ausgeprägt unter Cromwell, aber auch bei Friedrich Wilhelm I., Friedrich dem Grossen und anderen Fürsten. * * *
Innerhalb der Grenzen des mächtigen Kaiserreiches,
wie es Karl der Grosse geschaffen hatte, kam bekanntlich
zunächst die lehensstaatliche Verfassung zur Blüte und der
Idee nach zur Herrschaft. Das alles war ein gewaltiger
Fortschritt in der Organisation der Völker auf der Basis
des Grundbesitzes. In den Städten und an den Sitzen der
grossen Herren entwickelte sich indess bald jener Keim,
der mit seiner weiteren Ausbreitung schliesslich den ganzen
Lehensstaat als herrschende Verfassung vernichten sollte, um
das Volk nach einer Uebergangszeit recht bedenklicher Die Ersten, welche in der germanischen Geschichte diese Grundsätze zur praktischen Anwendung brachten, waren die mittelalterlichen Städte. In dem Masse, als dann die selbständigen Monarchien neben dem Deutschen Kaiser sich ausbildeten, mussten auch diese in der gleichen Weise handeln. Mit der Ausbreitung der Geldwirtschaft hatte sich auch
die lehensstaatliche Heeresverfassung rasch als nicht
mehr zeitgemäss erwiesen. An ihre Stelle traten die
Söldner, die zu Anfang namentlich durchaus in den
Formen einer Kapitalsanlage in der Hand der Kriegsspekulanten auftraten. Der Soldat war, wie man schon
gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts in der Schweiz
So waren die Zeitverhältnisse, unter denen allein der
dreissigjährige Krieg möglich war. Nach seinem Ende
waren die Völker so sehr verarmt, dass die Widerstände
gegen den Ausbau der territorialen Gewalt geschwunden
und die Entwickelung des modernen Staates
beginnen konnte; zunächst in der Form des Absolutismus.
Dass es in der bis dahin üblichen „wilden“ Wirtschaft bei dem „Regieren“ nicht weiter gehen konnte,
musste jedem Denkenden klar sein. Und indem man nun
anfing, eine wirtschaftliche Ordnung zu schaffen, und
darüber nachdachte, wie diese Ordnung am besten gestaltet
sein könnte, entstand jene Litteratur, die wir als die des
Merkantilismus bezeichnen. Unzweifelhaft aber wird
man es als einen Beweis des Fortschritts in der Gesittung
unter der Herrschaft des aufgeklärten Absolutismus bezeichnen müssen, wenn die Fälle der Soldatenvermietungen
gegen Ende des siebenzehnten Jahrhunderts und später,
wie von Fürst Bernhard von Galen, Bischof
von Münster, Kurfürst Johann Georg III. von
Sachsen, von den Fürsten und Herren von Hessen-
Eine Politik, deren Aufgabe es war, den absoluten
Fürsten möglichst gross und mächtig zu machen, was
unter den gegebenen Verhältnissen mit „reich“ zusammenfiel, musste offenbar nicht nur den Reichtum in Geld,
sondern auch den in Grundbesitz erstreben. Daraus folgt
der Grundsatz: den Dominialbesitz nicht nur zu
erhalten, sondern auch thunlichst zu mehren. Was vorher
darin zur Zeit der „wilden“ Wirtschaft vielfach verschleudert
worden war, musste so viel als möglich zurückerworben
werden. Hierzu eignete sich namentlich die Auflösung der
noch vorhandenen deutsch-rechtlichen Ober- und Unter-
Eigentumsverhältnisse nach den römisch-rechtlichen Begriffen.
Die Bedeutung eines grossen Domänenbesitzes lag
nicht nur in dem sicheren Einkommen, welches derselbe
gewährt, sondern auch in dessen Eigenschaft, nötigen Falls
als Pfandobjekt für grössere Gelddarlehne zu dienen. Mit
diesem Dominialbesitz in engster Verbindung steht die
merkantilitische Getreidepreispolitik.
Wo, wie in Preussen, das Einkommen aus den
Domänen einen wesentlichen Teil des Staatseinkommens
ausmachte, musste eine weise Regierung bestrebt sein,
durch eine zielbewusste Magazinpolitik in Verbindung mit
einem ganz bestimmten System von Einfuhrverboten, Einfuhrzöllen und eventuellen Ausfuhrvergünstigungen die
Getreidepreise möglichst stetig auf mittlerer Höhe zu erhalten. Das
ist bekanntlich am vollkommensten einem Friedrich
dem Grossen gelungen. Wo, wie in Frankreich,
das Staatseinkommen hauptsächlich auf Gewerbe und Industrie
beruhte, und dem gegenüber das Einkommen aus den
Eine andere naheliegende Quelle zur Mehrung des
fürstlichen Geldeinkommens bot abermals das römische
Recht in der Ausbildung der Regalien. Hier gab es
das Zollregal auf Strömen, Flüssen und Strassen. Es gab
das fürstliche Heimfallrecht an dem Vermögen der ausgestorbenen Familien, das bei den verheerenden Volksseuchen
während und nach dem 30 jährigen Krieg gewiss nicht
unergiebig war. Es gab das Recht auf die gestrandeten
Güter, das Jagd- und Fischerei-Regal und die Kriegshoheit
mit dem Rechte, heimische Truppen an fremde Mächte
zum Kriegführen zu vermieten. Es gab das Gebührenwesen
verschiedenster Art für einzelne obrigkeitliche Handlungen.
Es gab den Verkauf von Privilegien, Titeln und Aemtern
aller Art. Es gab die Gerichtshoheit mit Geld- und Vermögensstrafen bis zur vollen Vermögenskonfiskation, welche
namentlich bei grossen politischen Bewegungen umfassend
In engster Verbindung mit dieser Regalienpolitik stand
dann wieder die Begünstigung des Handels
mit den Produkten der exportierenden
Gewerbe. Wo ein exportierendes Gewerbe noch nicht
vorhanden war, musste ein solches durch Mithilfe des
Staates geschaffen werden. Fremde Unternehmer und Arbeiter
wurden gerufen und vor allem mit dem Privilegium der
Steuerfreiheit ausgestattet. Der Export dieser Produkte
nach fremden Märkten oder Ländern war zollfrei oder sogar
durch Exportprämien unterstützt, während ihnen auf dem
inländischen Markte durch das Einfuhrverbot für gewerbliche Produkte das Monopol reserviert wurde. Um die
Produktionskosten thunlichst zu verringern, wurde den
inländischen Rohprodukten die Ausfuhr
verboten, die Einfuhr von Rohprodukten aber freigegeben oder eventuell durch Importprämien begünstigt. Dazu
kamen Preis- und Lohntaxen und eine Bevölkerungspolitik,
welche auf eine thunlichste Mehrung der Bevölkerungszahl abzielte. Damit aber auch der
Exportgewinn ganz im eigenen Lande bliebe, wurde der Export
durch inländische Kaufleute mit Hilfe der heimischen
Handelsflotte bevorzugt. So wurde der Handel mit
dem Auslande nach dem Grundsatze organisiert: Export
von veredelten gewerblichen Produkten und Import von zu
Es steht also in der merkantilistischen Politik neben dem Prinzip der Ansammlung eines möglichst grossen Reichtums, und zwar vor allem des Geldreichtums, die Begünstigung der Exportindustrie, des auswärtigen Handels, der heimischen Handelsflotte und die Notwendigkeit einer möglichsten Ausdehnung der Kriegsflotte. Vom Standpunkte der Entwickelungsgeschichte der Völker betrachtet, charakterisiert sich das Merkantilsystem als das durchaus notwendige Uebergangsstadium aus der stadtwirtschaftlichen in die volkswirtschaftliche Epoche (Schmoller und Bücher). Dass hier der Absolutismus mit Hilfe des Geldes seine Aufgabe im allgemeinen in durchaus befriedigender Weise gelöst hat, bezeugt am besten die Thatsache, dass unsere moderne Kultur durchweg auf dem Fundamente ruht, das der Absolutismus damals gelegt hat. Wenn aber in jener Periode namentlich der Bauer mit der Arbeiterbevölkerung besonders zu leiden hatte, so mögen heute beide nicht vergessen, dass die wirtschaftlichen wie politischen Freiheiten, deren sie sich erfreuen, nicht zuletzt dem gleichen theoretischen Grundgedanken entsprungen sind. Wir dürfen deshalb im allgemeinen unter den gleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen auch wieder das gleiche wirtschaftlich-politische System erwarten. Trotzdem seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in
allen mitteleuropäischen Kulturländern namentlich das Merkantilsystem alten Stils durch eine neue und unzweifelhaft
bessere volkswirtschaftliche Ordnung auf dem Prinzip der
Freiheit der Arbeit und der Selbstverantwortlichkeit des
Einzelnen ersetzt worden ist, gefällt sich die Wirtschaftspolitik unserer Tage doch wieder in überraschenden
Anklängen an das alte Merkantilsystem. Unter der Leitung
des Geldes (Grossbanken) beobachten wir eine kapitalistisch –
industrielle Entwickelung der Völker auf Kosten der
Landwirtschaft und des Mittelstandes. Der Exporthandel gewinnt
abermals eine ganz besondere Bedeutung. Die Entwickelung
und Ausdehnung der Handelsflotten wird thunlichst gefördert.
Die Ausbreitung des Kolonialbesitzes führt zu den charakteristischen Kolonialkriegen, und die bei dieser Entwickelung
einander widerstreitenden Interessen werden nur zu häufig
Trotzdem umfasst auch das Merkantilsystem mit seinen Anschauungen eine Reihe von Sätzen, die uns von Dauer zu sein scheinen, und als solche möchten wir bezeichnen: 1. Jede Volkswirtschaft braucht auf einer gewissen Höhe ihrer Entwickelung neben der Urproduktion und ihren Produkten Geld, Gewerbe und Industrie als gleichbedeutende und gleichberechtigte Faktoren. 2. Das Blühen und Gedeihen eines Landes in volkswirtschaftlicher Hinsicht wie auch der Arbeitserfolg eines jeden Einzelnen ist dann im wesentlichen abhängig von einer richtigen Wirtschaftspolitik des Staates. 3. Alle Massnahmen des Staates finden einen höchst beachtenswerten und höchst bedeutungsvollen Massstab ihrer Zweckmässigkeit an dem Abschluss der jährlichen Handelsbilanz. Ein Volk, das dauernd mehr ausgiebt, als es einnimmt, wird ebenso sicher zu Grunde gehen, wie das im gleichen Falle bei jeder Einzelwirtschaft nicht anders zu erwarten ist. Ein Streit kann nur darüber noch geführt werden, ob dieser Nachweis statistisch in zutreffender oder unzutreffender Weise geführt wurde. Vorbemerkungen und Litteratur: Der eigentliche Inhalt des physiokratischen Systems ist uns erst neuerdings durch die ausgezeichneten Arbeiten von Professor August Oncken-Bern erschlossen worden. Vergleiche dessen „Oeuvres Economiques et Philosophiques de François Quesnay“, Frankfurt und Paris 1880. Derselbe: „Entstehen und Werden der physiokratischen Ideen“, „Biographie des Stifters der Physiokratie“, „Ludwig XVI. und das physiokratische System“ als Abhandlung in der „Vierteljahrsschrift für Staats- und Volkswirtschaft“ von Kuno Frankenstein 1898/9. Derselbe: Artikel „François Quesnay“ und „Das physiokratische System“ im Handwörterbuch der Staatswissenschaften von Conrad. François Quesnay war am 4. Juni 1694 in dem Dorfe
Méré bei Versailles geboren. Seine Entwicklung ist eine durchaus
autodidaktische. Von einem Gärtner hat er Lesen gelernt, ist dann
bei einem Wundarzt als Lehrling davongelaufen, in Paris Lithograph
geworden, hat als solcher durch Selbststudium medizinische und
philosophische Kenntnisse sich angeeignet, wird im Alter von
24 Jahren (1718) staatlich geprüfter Wundarzt, 1735 Leibchirurg
des Herzogs von Villeroy und veröffentlicht als solcher mehrere
bedeutende Werke über Chirurgie. Ein Gichtleiden hindert ihn am
Operieren. Er wendet sich deshalb dem Studium der inneren
Medizin zu, erwirbt 1744 im Alter von 50 Jahren den medizinischen
Doktorgrad und wird damit praktischer Arzt. 1749 ist er Leibarzt der
Pompadour und kommt deshalb nach Versailles, 1752 königlicher
Leibarzt, nachdem er den Dauphin von den Blattern geheilt.
Jetzt erst beginnen im Anschluss an psychophysiologische Studien die ökonomischen
Studien Quesnay’s, deren erste im Jahre 1756/7 (im Alter von
62 Jahren !) in der „Encyclopädie“ von d’Alembert erschienen
sind und zwar gezeichnet mit dem Namen seines Sohnes, der
Landwirt war. Ende 1758 vollendete er das „Tableau
économique“, den „Trésor de la science économique“, wie
seine Schüler es nannten. Darüber hinaus hat die physiokratische
Lehre keine Entwicklung erfahren. Quesnay wendet sich dann im
Alter von 75 Jahren mathematischen Studien zu und stirbt am
16. Dezember 1774 im Alter von 80 Jahren. Quesnays erster
Schüler war der Marquis Victor de Mirabeau. Weiter
werden als solche genannt: Dupont de Nemours, Gournay
Ueber die Zeitverhältnisse vergleiche insbesondere: H. Taine, „Die Entstehung des modernen Frankreichs“, deutsch von Katscher (1877), ferner Thiers „L’histoire de la révolution française“ (6 Bände, 15. Auflage, 1881), von Sybel „Geschichte der Revolutionszeit“ (5 Bände, 1882). * * *
Das französische Königtum hat den französischen Staat geschaffen: äusserlich zusammengefügt und innerlich verschmolzen zu einer grossen volkswirtschaftlichen Gemeinschaft, die alle Aussicht auf glückliche Verhältnisse für ihre Mitglieder zu haben schien. Die Herrschaft der Engländer in Frankreich (1346—1453), welcher das Land schon fast hoffnungslos erlegen war, haben die französischen Könige durch Organisation und Einrichtung des ersten modernen stehenden Heeres (1439) beseitigt. Die damit Hand in Hand gehende Ausbildung eines Geldsteuersystems (Jacques Coeur) lieferte die hierzu unentbehrlichen Geldmittel. Die grössere Konzentration des Einkommens in der Hofhaltung förderte Kunst und Gewerbe ganz ausserordentlich. Damit wuchs auch das Ansehen und die Bedeutung des französischen Handels, der durch eine sehr energische Kolonialpolitik in nachhaltigster Weise unterstützt und begünstigt wurde. In eben dieser Allmacht des französischen Königs lag
indess auch der Keim zum Verderben, zunächst für das
Wohl des französischen Volkes, und schliesslich für das
Königtum selbst. Ludwig XIV. (1643—1715) hatte
durch ein berüchtigtes Werbesystem seine königliche Armee
von 180'000 Mann im Jahre 1672 rasch auf 400'000 Mann
anwachsen lassen. Zeitweilig wurden z. B. alle Bauten
All diese schweren Missstände, die unter der Regierung
Ludwigs XIV. schon deutlich genug begonnen hatten,
dauern unter den beiden folgenden Königen an und wandelten
alle früheren Segnungen des Königtums rasch in wachsendes Unheil. Das Princip, das Kalb im Leibe der Kuh
aufzuessen und das laufende Jahr stets im voraus die Früchte
des folgenden aufzehren zu lassen, wurde beibehalten. Dem
Staatsbankrott unter Ludwig XIV. folgte ein zweiter in der
gleichen Höhe zur Zeit des berüchtigten Börsen- und
Aktienschwindlers Law (1671—1729), ein dritter unter
Terray, denen sich bis zur grossen Revolution noch
zwei weitere tief einschneidende Staatsbankrotte anschliessen.
Seit Heinrich IV. bis auf das Ministerium Loménie sind
die öffentlichen Verbindlichkeiten 56 Mal nicht eingehalten
worden. Schon um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts
war der Staat unfähig, seinen ausgedehnten Kolonialbesitz
zu halten. Die stattliche Kriegsflotte wurde aufgerieben.
Die Zinsen der Staatsschulden betrugen 1755: 45 Millionen
Francs, 1776: 106 Millionen Francs, 1789: 206 Millionen
Das Bürgertum hat bei diesen Veränderungen unzweifelhaft viel Geld zu gewinnen verstanden. Es war selbstverständlich, dass dem König nicht unter 10% geliehen wurde. Dazu kamen die grossen Schuldaufnahmen des Adels, das allgemein eingeführte Steuer-Pachtwesen mit seinen Tausenden von Gelegenheiten, sich zu bereichern, die eigentümliche Einrichtung der Intendanten, die als die „32 Könige von Frankreich“ bezeichnet wurden u.s.w. Das Luxusgewerbe und der Export industrieller Erzeugnisse blühten. Bordeaux war damals nach London der bedeutendste Handelshafen Europas. Die Ausfuhr Frankreichs betrug in den Jahren 1720: 106 Millionen Francs, 1748: 192 Millionen Francs, 1788: 354 Millionen Francs. Frankreich versorgte die ganze Welt mit künstlerischen und kunstgewerblichen Erzeugnissen. Aber trotz dieser ganz unzweifelhaften Zunahme des
Wohlstandes in Bürgerkreisen war man auch hier mit den
bestehenden Verhältnissen recht unzufrieden. Die häufigen
Staatsbankrotte hatten auch die Bürger misstrauisch gemacht. Man hätte gern die Verwendung seiner, dem
König geliehenen Gelder überwacht. Denn mit dem Staatsbankrott drohte auch den Staatsgläubigern Unheil. Aber
statt dieser Ueberwachung der Verwendung der Staatsgelder war dem Bürgertum von damals nicht einmal seine
Selbstverwaltung gesichert. Seit dem Jahre 1692 hatten
die Städte sieben Mal eine Art Selbstverwaltung erhalten,
die immer wieder aufgehoben wurde, um sie dann von der
Krone für teures Geld wieder zurückkaufen zu lassen.
Dazu kam der in der sonst so liebenswürdigen Gesellschaft
Der Adel ging durch seine Teilnahme an dem so überaus luxuriösen Hofleben des Königs nur zu rasch der Verarmung entgegen und ward durch die gegebenen Verhältnisse geradezu gezwungen, seine übermässigen Ausgaben auf den von ihm abhängigen Bauernstand abzuwälzen. Die Masse der Geistlichkeit war arm geblieben, und wenn sie auch formell das Privileg der Steuerfreiheit besass, so wandte sich doch von Zeit zu Zeit der König um Geldgeschenke an den Klerus, wobei dann selbst die armen Landgeistlichen mitsteuern mussten. Am schlechtesten von allen erging es dem Bauernstand. Die Beziehungen zwischen ihm und dem Adel
konnten um so leichter eine höchst drückende Form annehmen, als die Mehrzahl der Adligen durch dauernde
Anwesenheit bei Hofe mit ihren bäuerlichen Pächtern garnicht
direkt, sondern stets durch Vermittelung ihrer Beamten
verkehrten. Durch die Verbindung der längst veralteten,
aber immer noch zu Recht bestehenden Feudalleistungen
mit dem indirekten Steuersystem des Merkantilismus kam
eine fast unübersehbare Zahl von Forderungstiteln zusammen, welche ebenso viel Handhaben zu ungerechten
Bedrückungen der Bauern boten. So gab es z. B. neben
der allgemeinen direkten persönlichen Staatssteuer den
kirchlichen Zehnt, Frohndienste, Zölle aller Art, hohe Handänderungs-Gebühren für den Grundbesitz, herrschaftliche
Kelter- und Mühlenmonopole, das herrschaftliche Jagdrecht,
herrschaftliche Taubenschläge, Wegebauten für alle mög Die Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung nahm
unter solchen Umständen furchtbare Dimensionen an. Etwa
seit dem Jahre 1672 war die Hungersnot auf dem Lande
fast permanent geworden. Vauban sagt 1699 in seiner
„Dîme royale“: „Fast der zehnte Teil des Volkes bettelt.
Von den anderen neun Zehnteln können fünf den Bettlern
kein Almosen geben, denn sie bedürften dessen eigentlich
selbst. Drei Zehntel sind auch noch überaus schlecht
daran, und das letzte Zehntel umfasst etwa 100'000 Familien,
von denen vielleicht 10'000 "à leur aise" leben. “ — Im
Jahre 1715 sollen 6 Millionen Franzosen den Hungertod
gestorben sein. Im Jahre 1725 lebte ein Drittel der Landbevölkerung der so fruchtbaren Normandie von Feldkräutern.
In hundert Jahren soll die Bevölkerung Frankreichs von
23 auf 12 Millionen zurückgegangen sein. Die procentuale
Abnahme der ländlichen Bevölkerung war natürlich eine
noch weit stärkere. Was nicht überhaupt auswanderte,
das zog in die Städte und namentlich nach Paris, um die
Man wird es unter solchen Umständen begreiflich finden, wenn Taine die grosse französische Revolution die „siebente Jacquerie“ (französischer Bauernkrieg) nannte, die allgemein und endgültig war. Nur in der Vendée hatten sich bessere Beziehungen zwischen Adel und Bauern erhalten, und deshalb wurde hier eine echt konservative Gesinnung für den König noch über die Revolutionsjahre hinaus bewahrt. Das nationalökonomische System, welches solche Zeitverhältnisse zum Ausgangspunkt hatte, war vor dem Irrtum
sicher, im Gelde und in einer blühenden Exportindustrie
die Elemente des Glücks und der Wohlfahrt der Völker zu
erblicken. Jetzt ging man vielmehr von der grundlegenden
Frage aus: „Wie muss die wirtschaftspolitische Ordnung eines Landes beschaffen
sein, um ein Volk auf gutem Boden,
unter günstigen klimatischen Verhältnissen vor Not zu bewahren ?“ Und die
Antwort von François Quesnay kam naturgemäss vor
allem zu der fundamentalen Bedeutung des gerade damals
so sehr verachteten und bedrückten Bauernstandes.
Denn — so sagte Quesnay — „die Wohlhabenheit, der
Reichtum eines Volkes, setzt sich zusammen aus der
Summe jener materiellen Güter, welche in der einen oder
anderen Form dem Boden entnommen sind.“ Jede Vermehrung der Güter hat deshalb ein vermehrtes Schöpfen
von Stoffen aus dem Boden zur Voraussetzung. Und nachdem diese Stoffe vom Boden losgelöst sind, kann im
weiteren die menschliche Arbeit dieselben zwar veredeln
Die wichtigste Urproduktion ist die landwirtschaftliche
Produktion und zwar speziell die Getreideproduktion. Im Mittelpunkte aller wirtschaftspolitischen
Erwägungen steht deshalb die Frage nach der richtigen
Getreidepreispolitik. Die Getreidepreise sollen
nicht zu hoch sein, damit das Volk nicht Not leiden muss.
Sie sollen aber auch nicht zu niedrig sein, um den Bauer
nicht vom Acker zu verjagen und die Landbevölkerung im
Elend verderben zu lassen. Es handelt sich also um
mittlere Getreidepreise, bei denen Bauer und Bürger
bestehen können. Diese guten, mittleren Getreidepreise
sollen nicht vorübergehend, sondern von Dauer sein. Und
wenn diese dauernd guten Getreidepreise den Pächter wohlhabend machen, dann kann er sein Betriebskapital
vermehren, den Betrieb intensiver gestalten und damit das
Volk immer besser vor Not sichern. Er kann dem Grundeigentümer höhere Pachtrenten zahlen, womit die Kaufkraft
der ländlichen Bevölkerung für industrielle Produkte allgemein wächst. Und da mit der Höhe der Getreidepreise
auch die Arbeitslöhne direkt proportional steigen und fallen,
so hat auch der Lohnarbeiter aus einer Besserung der
Getreidepreise zunächst keinen Nachteil, wohl aber durch
die wachsende landwirtschaftliche Wohlhabenheit den Vorteil gesteigerter Arbeitsgelegenheit. Sind umgekehrt die
Dieses Hauptziel: dauernd gute, mittlere Getreidepreise, wäre nach Quesnay zu seiner Zeit zu erreichen gewesen durch freie Getreideausfuhr mit Ausfuhrprämie bei niedrigen inländischen Getreidepreisen, durch Getreideeinfuhrverbot, ausgenommen in Teurungsjahren, und durch Verbesserung der inländischen Verkehrswege. Damit aber der Bauer in freudiger Arbeit sich und der Gesamtheit die reichen Vorteile aus den besseren Getreidepreisen erwerbe, verlangt François Quesnay gleichzeitig: Beseitigung der damals allgemein üblichen Zwerg- und Teilpachtungen durch ebenso allgemeine Einführung grösserer Pachtgüter, vollständige Abschaffung aller Feudallasten und feudalen Unfreiheiten jeder Art, Aufhebung des Flurzwanges, Befreiung vom Milizdienst und last but not least: Aufhebung aller direkten und indirekten Steuern des Merkantilismus und Deckung des Staatsbedarfs durch eine einzige Staatssteuer, welche auf den Reinertrag des Bodens gelegt wird. Auch dieser steuerpolitische Vorschlag Quesnay’s steht
in engstem Zusammenhange mit seiner Auffassung des
Bodens als ausschliessliche Quelle des Reichtums und hat
naturgemäss die allgemeine Einrichtung grosser Pachtgüter
und dauernd gute, mittlere Getreidepreise zur Voraus Die Grundherren haben den Boden in Kultur gebracht, Häuser gebaut und andere Meliorationen aller Art ausgeführt. Sie behalten auch ferner die Oberleitung des Betriebes. Dafür beziehen sie die Pachtrente, welche Quesnay „Produit net“, also Reinertrag, nennt. Dieser Reinertrag setzt sich nach ihm zusammen aus dem Ertrage der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens plus Zinsen für die ausgeführten Meliorationen. Der Wert der natürlichen Fruchtbarkeit des Bodens deckt sich allem Anschein nach mit dem ursprünglichen Ertragswert des Bodens, der nach seiner einmaligen Ermittelung unverändert bleibe. Veränderlich ist in dem Quesnay’schen Grundwertbegriff das Meliorationskapital und die Höhe des Zinsfusses, zu welchem dasselbe dem Grundherrn von Seiten des Pächters verzinst werden muss. Dieser Zinsfuss soll gesetzlich und möglichst hoch — mindestens auf 10% — festgesetzt werden, damit die Grundeigentümer sich zur Ausführung von Meliorationen möglichst angeregt fühlen. In analoger Weise wäre die städtische Mietsrente zu ermitteln, um so die eine Staatssteuer auf dem Boden-Reinertrag gleichmässig durch das ganze Land auslegen zu können, nach Massgabe eines Katasters, dessen Steuern nicht die Steuerpächter, sondern die Provinzen einziehen und an den König abführen würden, der keinen Staatsschatz anlegen, aber auch keine Staatsschulden machen soll. Kommt aber der Staat in Geldnot, dann würden die Grundbesitzer und Landwirte freiwillig aushelfen. Im Gegensatze zu den Urproduzenten, welche dem
Boden die Güter abgewinnen, sind die Manufakturisten
und Händler zwar nicht direkt unproduktiv, aber der von
ihnen erzeugte Mehrwert wird von den Kosten der darauf
François Quesnay, der seine Laufbahn als Chirurg
begann und schliesslich Leibarzt des Königs von Frankreich
geworden war, hat sich erst im Alter von etwa 60 Jahren
dem Studium der volkswirtschaftlichen Fragen zugewendet.
Dieser Umstand hat ihn zum mindesten gehindert, eine rege
Beziehung und Wechselbeziehung Jahre hindurch mit dem
wirtschaftspolitischen Leben seiner Zeit zu unterhalten.
Es ist dies meines Erachtens von um so grösserer
Bedeutung, als jetzt erst in der nationalökonomischen Ent Jetzt erst beginnt die Zeit auszureifen für die
Quesnay’sche Erkenntnis, dass das Glück und die Wohlfahrt der Völker sich nationalökonomisch nicht in dem
Begriff des Kapitals erschöpft, sondern auf dem Acker in
der Entwickelung der Ideen beginnen muss. Ich bin deshalb der Meinung, dass gerade das physiokratische System
1. Der Begriff Reichtum der Völker — in volkswirtschaftlich-absolutem, nicht historisch- relativem Sinne — muss mit jenen Stoffen beginnen, welche der Erde entnommen werden. Und deshalb ist und bleibt die Mutter Erde die alleinige Quelle alles Reichtums. 2. Jede einseitige Herrschaft des Kapitalismus, der kapitalistischen Exportindustrie und des Exporthandels muss nach einer gewissen Zeit zur Verarmung und Verelendung der Volksmassen führen, selbst dann, wenn anfangs die wirtschaftliche Lage des Volkes sich dabei verbessert hat. 3. Der Wohlstand keines Teils der Nationen ist in gleichem Masse mit dem Gesamtwohl des Volkes inniger verwachsen, als der Wohlstand der Bauern und der Landwirte. 4. Für diesen landwirtschaftlichen Wohlstand sind in erster Linie der Staat und die Gesetzgebung verantwortlich, weil beide für eine rationelle Getreidepreis- und Grundwertspolitik verantwortlich sind. 5. Aufgabe einer rationellen Getreidepolitik ist es, dauernd gute und möglichst stetige mittlere Getreidepreise zu erzielen, bei denen Bauer und Bürger bestehen können. 6. Der wahre und natürliche Wert des landwirtschaftlichen Grundbesitzes wird gebildet aus dem ursprünglichen Ertragswert plus Summe des rationell investierten Kapitals. Adam Smith, Robert Malthus, David Ricardo
und die eigentliche Freihandelsschule.
Vorbemerkungen und Litteratur: Die Nationalökonomie als „reine“ Wissenschaft mag immerhin die sogenannten „Vorläufer“ von Adam Smith und Andern eingehend berücksichtigen. Die Nationalökonomie als „praktische“ Wissenschaft wird sich stets erinnern müssen, dass es ihre ernste und schwierige Aufgabe ist, den Plan zu zeichnen, nach dem die Gesetzgebung der Gegenwart und der nächsten Zukunft im Interesse einer inneren Wiedergesundung unserer volkswirtschaftlichen Verhältnisse ausgebaut werden muss, ehe es zu spät ist. Die deshalb von uns hier angewendete kairologische Methode lässt im Zweifel jeden für diesen einen grossen praktischen Zweck überflüssigen Wissensstoff bei Seite. Gleichzeitig gehen wir dabei auch von der praktischen Erfahrung aus, dass Männer, welche wirklich nachhaltig auf die volkswirtschaftliche Praxis einwirken, ihre Stärke in der Durchdenkung dieser Zeitverhältnisse, niemals aber im Abschreiben ihrer sogenannten „Vorläufer“ suchen und finden werden. Wir beschäftigen uns hier deshalb speziell nur mit Adam Smith, Robert Malthus und David Ricardo. Von jenen Nationalökonomen, welche das damit in seinen Elementen gegebene Freihandelssystem dann in der Schule und in der Volksversammlung populär gemacht haben, darf es genügen, unten im Zusammenhang der Darstellung die Namen zu nennen. Adam Smith, geboren im Jahre 1723 in dem schottischen Städtchen Kirkcaldy, wird im Jahre 1751 Professor der Logik und Moralphilosophie in Glasgow. Er geht im Februar 1764 mit dem jungen Herzog von Buccleuch, dessen Ausbildung er leitete, nach Frankreich und der Schweiz, lernt in Paris die Philosophen und die Nationalökonomen der Quesnay’schen Schule kennen, kehrt im Jahre 1766 nach Kirkcaldy zurück, wo er 1776, also nach 10 Jahren, sein berühmtes Werk über den Reichtum der Nationen: „An Inquiry into the nature and causes of wealth of nation“ beendet. Er wird darnach Mitglied der obersten Zollbehörde für Schottland in Edinburg und stirbt 1790. Thomas Robert Malthus lebt in der Zeit von 1766 bis 1834.
Nachdem er Geistlicher geworden war, nimmt er 1797 an der
politischen Bewegung für und gegen die englische Armenrechtsordnung
David Ricardo wird im Jahre 1778 in London als Sohn eines holländischen Juden geboren, sein Vater war strenggläubig. Nach kaum vollendetem vierzehnten Lebensjahre ist der Sohn in das Geschäft des Vaters eingetreten, noch im Jünglingsalter aus Rücksichten auf sein geschäftliches Fortkommen zur anglikanischen Kirche übergetreten und wird deshalb von seinem Vater verstossen. Mittellos, aber mit Fähigkeiten und ausgeprägtem Geschäftssinn ausgestattet, wird er dann Privatmakler in der City of London, macht in der damals unruhigen Zeit Arbitragegeschäfte in Wechseln und Wertpapieren, spekuliert auch mit Erfolg in Getreide und ist bereits mit 25 Jahren mehrfacher Millionär. Jetzt widmet er sich der Wissenschaft und zwar vor Allem der Nationalökonomie, welcher eine ganze Reihe von Gelegenheitsschriften gehören. Sein Hauptwerk, in welchem diese Gelegenheitsschriften mit verwendet werden, erschien zuerst 1817 unter dem Titel: „Principles of political Economy und Taxation“ Er wird 1797 Mitglied des englischen Parlaments und stirbt 1823. Ueber die Zeitverhältnisse vergleiche insbesondere:
* * *
Das Eindringen der Geldwirtschaft zeigt in der englischen Geschichte früh schon die Tendenz, die Masse des Volkes vom Grund und Boden loszulösen, den Bauernstand zu vernichten. Schon unter Eduard III. (1327 bis 77) kommt es zur Trennung des Parlaments in Ober- und Unterhaus, welch letzteres das Steuer - Bewilligungsrecht und das Petitionsrecht erhält: die Vertreter der Geldwirtschaft hatten damit als Mitregenten des Landes ihre selbständige verfassungsrechtliche Organisation erhalten. Sofort beginnt eine zielbewusste merkantilistische Gewerbe-Politik, die sich speziell dem Hauptgewerbe der damaligen Zeit, dem Wollgewerbe, widmet: die Einwanderung fremder Weber wurde begünstigt, das Tragen fremder Tuche verboten, die Wollausfuhr an Privilegien gebunden und damit indirekt in den Händen der Privilegierten monopolisiert, die Entwickelung der eigenen Handelsmarine und des eigenen Aussenhandels thunlichst begünstigt. Zunächst wirkte dieses Aufblühen von Handel und Gewerbe vorteilhaft auf die Lage der englischen Bauern zurück, die ihre überflüssigen Produkte jetzt leichter als vorher versilbern konnten, und mit dem so gewonnenen Gelde schon im dreizehnten Jahrhundert begannen, sich aus dem gutsherrlichen Verbande loszukaufen, um eine freie Bauernschaft zu werden. Da kommt mit den Jahren 1348/49, 1361/62 und
1368/69 das „Grosse Sterben“ nach England, der
Die englische Bauernschaft war damit zwischen zwei
Mühlsteine gekommen. Auf der einen Seite die alten
Grundherren, welche infolge des Arbeitermangels nicht nur
kein weiteres Loskaufen der Bauern aus dem Gutsverbande
gestatteten, sondern auch die bereits freigekauften Bauern
zu Arbeitsleistungen auf der Gutsherrschaft zurückzuzwingen
bemüht waren, und für diese Leistungen eine ihren Verhältnissen angepasste gesetzliche Lohntaxe erwirkt hatten —
auf der anderen Seite die beginnende Ausdehnung der
Latifundien für Schafhaltung, die natürlich von Anfang an
dort am wenigsten Halt machte, wo ein freier Bauernhof
im Wege lag. Das kurz vorher erwachte Selbstbewusstsein
der Bauern wurde durch alles das natürlich tief verletzt.
Im Jahre 1381 kam es deshalb zu dem ersten grossen
Bauernaufstand unter Wat Tyler und Jack Straw. Nach
dessen Niederwerfung wurden auch die freien Bauern noch
Das Schicksal des englischen Bauernstandes war damit
entschieden. Das Land wurde von nun an ausschliesslich
nach kapitalistischen Gesichtspunkten regiert und verwaltet.
Um auch der Wollmanufaktur wenigstens eine Art unfreier Arbeiter zu liefern, hat man unter Eduard VI.
(1547 bis 53) durch Gesetz den siebenjährigen Lehrzwang
eingeführt. Und als auch dieses Mittel nicht zu genügen
schien, die vom Grund und Boden losgerissenen und seit Die Interessen der Wollmanufaktur wurden in
der denkbar sorgsamsten Weise gesetzlich geschützt. Nach
der Auslieferung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes an
die Wollproduktion hat man durch die vorgenannten Gesetze
das auf die Lohnarbeit angewiesene Volk gefügig gemacht
und das Verbot der Einfuhr fremder Wollwaaren in strengster
Weise gehandhabt; Uebertretungen des Verbots der Ausfuhr von Schafen, Lämmern und Böcken wurden im
Wiederholungsfalle mit dem Tode bestraft und das Verbot der
Ausfuhr von Wolle für Verkäufer wie Schiffseigentümer
hart geahndet. Dazu kam ein ganzes System von Verhütungsmassregeln dieser verbotenen Handlungen. Wolle
durfte im Inlande nur in Ballen von Leder oder Packleinwand, auf deren Aussenseite in drei Zoll langen Buchstaben
das Wort „Wolle“ stand, verpackt und nur zwischen Auf- und Niedergang der Sonne zu Pferd oder Wagen
transportiert werden. Jeder Besitzer von Wolle innerhalb zehn
Meilen von der Küste musste binnen drei Tagen nach der
Schafschur dem nächsten Zollbeamten die Anzahl der Fliesse
und deren Aufbewahrungsort, und bevor er davon etwas
wegschaffte, Zahl und Gewicht der Fliesse, Namen und
Wohnort des Käufers sowie den Bestimmungsort des Transports schriftlich anzeigen. Verboten war ferner die Ausfuhr
Den Aufgaben der Getreidepolitik gegenüber war
diese geldwirtschaftliche Ordnung der volkswirtschaftlichen
Verhältnisse lange Zeit hindurch ziemlich ratlos. Man versuchte es mit dem Einfuhrverbot, mit Schutzzöllen in der
verschiedensten Höhe wie mit Freihandel, und keine dieser
Massregeln konnte die Beunruhigungen durch Hungersnotrevolten beseitigen. Da kam man gelegentlich des Regierungsantritts des Oraniers Wilhelm III., des Königs
„von Parlamentes Gnaden“, im Jahre 1698 auf den Gedanken, auch die Getreideproduktion — nach den
herrschenden merkantilistischen Grundsätzen — durch Exportprämien in Verbindung mit hohen Einfuhrzöllen in ein
Exportgewerbe zu verwandeln. Um dem Könige die
Zahlung dieser Exportprämie zu ermöglichen, wurde die
Einführung einer allgemeinen Grundsteuer zugestanden.
Und um auch die Interessen des englischen Handels und
der englischen Rhederei mit dieser Massregel zu verknüpfen,
wurde bestimmt, dass diese Exportprämie für Getreide im
Betrage von etwa 16% der damaligen Weizenpreise nur
dann gezahlt werde, wenn der Schiffseigentümer und
mindestens 2⁄3 der
Schiffsmannschaft englische Unterthanen
Die rücksichtslose Begünstigung der Fabrikanteninteressen war in der Gesetzgebung allgemein durchgeführt worden. So hatte man z. B. den Zoll auf gebleichtes Garn abgeschafft, die Ausfuhr von fertiger Leinwand durch Prämienzahlung begünstigt und die Einfuhr von fremdem Leinen durch hohe Einfuhrzölle gehemmt. Die Ausfuhr von rohen Häuten und gegerbtem Leder war verboten, ebenso die Ausfuhr von rohen Tüchern — die sollten erst im Lande gefärbt werden —, wie auch die Schuhe im Lande verfertigt werden sollten. Verboten war ferner die Ausfuhr von Metallen, die Ausfuhr von Werkzeugen, von gelernten Arbeitern u.s.w. Das ganze englische Reich schien nur zu dem Zwecke gegründet zu sein, eine Nation von „Kunden“ aufzuziehen, die aus den Werkstätten der englischen Fabrikanten alles, womit diese sie versorgen können, zu möglichst hohen Preisen kaufen müssen. Um die Gewinne der Fabrikanten und Händler thunlichst zu mehren, wurden dem ganzen Lande die Kosten von Millionen für Kriege aufgebürdet, die mit Soldtruppen gegen Holland, Spanien und Frankreich geführt wurden, um diesen Ländern ihren wertvollsten Kolonialbesitz, der ein höchst ergiebiges Ausbeutungsobjekt war, zu entreissen. Wo auch nicht gleichzeitig sogenannte „höhere politische Gesichtspunkte“ noch hinzukamen, griff der Staat ohne jedes Bedenken zum Krieg, als Mittel zur Bereicherung der englischen Unternehmer. So führte England z. B. im Jahre 1755 einen Krieg mit Senegal, um für die englischen Kaufleute dort das Gummi-Monopol zu erwerben.
Nicht minder einschneidend hatten sich die Verhältnisse der Getreideversorgung geändert. Der grosse europäische Getreidehandel, welcher in Russland, Polen, Livland und Preussen seine Massen sammelte, um sie fast der ganzen europäischen Meeresküste entlang zu verfrachten, besass in dem England nahe gelegenen Freihafen Amsterdam einen Centralstapelplatz, in welchem immer solche gewaltige Getreidemassen umgeschlagen wurden, dass auch für England die Gefahr einer Hungersnot im Falle einer ungenügenden inländischen Ernte ausgeschlossen schien. Die Notwendigkeit, den nationalen Getreidebau aus Furcht vor Hungersnotrevolten als eine mit Prämien begünstigte Exportindustrie von Staatswegen zu behandeln, war also damit entschwunden. Statt dessen lag der Gedanke, auch die englischen Häfen in Hauptstapelplätze des internationalen Getreidehandels umzuwandeln, jetzt um so näher, je neidischer längst England den Reichtum betrachtete, welchen die Holländer gerade aus den internationalen Getreidegeschäften bis dahin zu ziehen wussten. Die entscheidende Wendung nach dieser Richtung war
bereits im Jahre 1765 hervorgetreten. Die Fortschritte in
Gewerbe und Industrie hatten die englische Bevölkerung rasch
Unter diesen Zeitverhältnissen schrieb Adam Smith sein berühmtes Werk über „Wesen und Ursache des Nationalen Reichtums“. Die Schwankungen in der englischen Getreidepolitik dauerten weiter. Die Weizenpreise stiegen 1782 bis 1784 auf durchschnittlich 54 s. per Quarter (M. 245 per 1000 Kilo) im Jahre 1789 auf 59 s. (M. 258,70 per 1000 Kilo). Die englischen Armenlasten wuchsen von durchschnittlich 713'000 £ auf 1'300'000 im Jahre 1770, auf 2'700'000 im Jahre 1790, auf 3'800'000 im Jahre 1800. Die Frage einer zweckmässigeren Regelung der Armenverhältnisse kam auf die Tagesordnung der gesetzgebenden Körperschaften. Und jetzt veröffentlichte Thomas Robert Malthus (1798) seinen „Versuch über die Bevölkerungsprincipien und deren Einfluss auf die Wohlfart der Menschen“.
Nachdem es unbestritten war, dass das Ziel und die
Aufgabe aller Wirtschaftspolitik darin bestehe, die Völker
reich und reicher zu machen, und nachdem schon Quesnay
und seine Schule erkannt hatten, dass der Reichtum eines
Volkes nicht dem Vorrat an Geld, sondern dem Vorrat an
jenen Gütern gleich sei, welcher dem Volke zu Konsumzwecken zur Verfügung stehe, war jetzt die naheliegende
Frage der Theorie offenbar die Frage nach der
Diese nach Adam Smith naturgemässe Entwicklung der volkswirtschaftlichen Verhältnisse wurde zu seiner Zeit vor Allem aufgehalten durch die bevormundende Einmischung des Staates in die wirtschaftliche Thätigkeit des Einzelnen, die insbesondere deshalb geradezu verhängnisvolle Wirkungen zeigte, weil die Reichsten die Staatsgewalt missbrauchten, um die Schwächeren noch mehr zu unterdrücken und die Massen des Volkes in rücksichtslosester Weise durch Monopole aller Art auszubeuten. Adam Smith kann deshalb nach seinem Empfinden gar nicht häufig genug den Nachweis erbringen, dass das wohlverstandene eigne Interesse des Einzelnen die beste Triebfeder aller volkswirtschaftlichen Entwicklung sei und dass der Staat nichts zweckmässigeres thun könne, als eben diese Triebfeder endlich frei zu geben. „Zweck und Ziel aller Produktion ist die Konsumtion
und das Interesse der Produzenten sollte nur so weit
berücksichtigt werden, als zur Förderung der Interessen
der Konsumenten nötig ist. Dieser Grundsatz ist so einleuchtend, dass es abgeschmackt wäre, ihn beweisen zu
wollen. In den merkantilistischen Privilegien aber, welche
man einzelnen Industriezweigen erteilt hat, wird das Interesse
der Konsumenten fast beständig dem der Produzenten aufgeopfert, und dabei scheint man die Produktion und nicht
die Konsumtion als Endzweck allen Gewerbefleisses und
Trotzdem sind alle diese Begünstigungen, welche man der Industrie zugewendet hat, längst nicht im gleichen Masse schädlich als jene, welche vorgeblich den inländischen Getreidebau fördern. „Der grössere Gewinn der Fabrikanten gestattet wenigstens, mehr Arbeiter zu beschäftigen. Das Getreideausfuhrprämiengesetz aber mit den hohen Getreideschutzzöllen hat nur nachteilige Wirkungen.“ „Jede Steuer auf Getreide muss entweder die Nahrungsmenge der Arbeiter reduzieren oder eine der Erhöhung des Geldpreises für Getreide entsprechende Erhöhung der Geldlöhne veranlassen. Im ersteren Falle werden die Arbeiter weniger Kinder erzeugen und wird also ein Rückgang der Bevölkerung eintreten, im anderen Falle wird der Arbeitgeber gezwungen, bei höheren Löhnen mit seinem Kapital weniger Arbeiter zu beschäftigen, als niedrigere Löhne gestatten würden, und damit wird dann der Gewerbefleiss des Landes eingeschränkt.“
„Die merkantilistische Politik der Prämien auf die Getreideausfuhr und der Zölle auf die Getreideeinfuhr musste deshalb dazu führen, in England die Getreidepreise zu steigern und im Auslande sie etwas zu verbilligen. Damit wurden aber alle englischen Waren auf allen Märkten etwas teuerer und die ausländischen Waren umgekehrt etwas billiger, als es sonst der Fall gewesen wäre, und man gab folglich der ausländischen Industrie einen doppelten Vorsprung über die englische. Den Grundbesitzern allerdings bringen zunächst höhere Getreidepreise etwas mehr Geld in die Tasche, aber, nachdem infolge dieser höheren Geldpreise für Getreide die Preise für ihre heimischen Produkte entsprechend steigen, sind auch für sie die Vorteile dieser höheren Geldeinnahme nur imaginär.“ „Den Geldpreis von Getreide künstlich steigern heisst
also, eine beständige Verteuerung hervorrufen. Die Politik
„Die tiefere Einsicht in diese Verhältnisse fordert deshalb den Freihandel nicht nur für die industrielle und gewerbliche Produktion, sondern insbesondere auch den Freihandel für Getreide. Dadurch wird die Gefahr einer Hungersnot am Besten vermieden, denn der Freihandel in Getreide macht die verschiedenen Länder gewissermassen zu Provinzen eines grossen Versorgungsgebietes. Hier kann dann selbst bei ungünstigster Witterung der veranlasste Mangel kein grosser sein. Entweder ist die Witterung zu trocken, dann geben die zu feuchten Ländereien um so bessere Erträge, oder die Witterung ist zu nass, dann geben die zu trockenen Ländereien bessere Erträge und gleichen so den Minderertrag auf den anderen Flächen wesentlich aus. Speziell für die Industriestaaten bietet es nicht die geringsten Schwierigkeiten, die erforderlichen Nahrungsmittel einzutauschen. Das freihändlerische Holland z. B. bezieht lebendes Vieh aus Holstein und Jütland und Getreide fast aus allen europäischen Ländern und muss dafür im Austausch nur eine verhältnismässig kleine Menge von seinen weit wertvolleren industriellen und gewerblichen Produkten hingeben.“ Also Freihandel möglichst auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens. Dieser Freihandel ist jedoch bei Adam Smith nicht blind und nicht bedingungslos. Demselben liegt vielmehr eine ganz bestimmte bessere volkswirtschaftliche Ordnung zu Grunde, die sich der Idee nach aus dem Princip der Arbeit ableitet. Die Arbeit ist nämlich der einzig normale und
naturgemässe Massstab jenes Wertes, zu dem die
Arbeitsprodukte auf dem freien Markte gegen
einander ausgetauscht werden. So sollen die
natürlichen Getreidepreise nach Adam Smith
Wesentlich anders verhält es sich nach Adam Smith mit der natürlichen Preisbewegung für industrielle Produkte. Hier geht die naturgemässe Entwicklung bei fortschreitender Kultur infolge Arbeitsteilung, verbesserter Arbeitsmaschinen, Verbilligung des Zinses u.s.w. dahin, den Preis fast aller Manufakturwaren immer mehr herabzusetzen. Hohe Preise mit steigender Tendenz für Ackerbauprodukte und billige Preise bei fallender Tendenz für industrielle Produkte sind also nach Adam Smith die Merkmale einer höheren und fortschreitenden Kultur. Der Wertbegriff von Adam Smith begnügt sich nicht mit der Thatsache des Preises, er deckt sich nicht mit dem „Verkehrswert“, sondern findet in bewusster Weise seinen normalen selbständigen Massstab im Buchwert. Endlich begnügte sich Adam Smith nicht mit dem
rein negativen „laissez faire“ der Physio Das Produkt der Arbeit ist auch nach Adam
Smith der naturgemässe Arbeitslohn. Und
früher, als es noch keine Latifundienbesitzer und noch keine
Grosskapitalisten gab, da war in England dieser ideale
Zustand reale Wirklichkeit, mit anderen Worten: damals
war in England der Mittelstand allgemein verbreitet,
dessen inneres Wesen darin besteht, dass der Arbeiter auch
Eigentümer seiner Produktionsmittel ist. Deshalb gehörte
ihm sein Arbeitsprodukt als Arbeitslohn. Inzwischen war
das im Verlauf der englischen Geschichte leider anders geworden. Der Mittelstand war mit dem Bauernstand fast
vollständig verschwunden, es kam nur „manchmal
noch vor, dass ein einzelner unabhängiger Arbeiter
genügend Mittel hatte, um die nötigen Materialien zu kaufen,
und sich bis zur Vollendung der Arbeit zu unterhalten.“
Die englische Gesellschaft trennte sich zur Zeit von Adam
Smith in Grundbesitzer, Grosskapitalisten und besitzlose
Arbeiter. Deshalb, — so folgert Adam Smith — erhält
heute der Arbeiter nur den Arbeitslohn aus dem
gesamten Wert des Arbeitsproduktes, während ausserdem
noch für den Unternehmer der Kapitalgewinn
und für den Grundeigentümer die Grundrente
Bis vor Adam Smith verstand man unter Kapital
in der Regel eine Geldsumme, die gegen Zinsen ausgeliehen wurde und der der sittliche Makel des Wuchers
anhaftete. Man kann in diesem Sinne das Wort „Kapital“
definieren als eine Geld- oder Güter-Summe, die in habsüchtiger Weise verwendet wird. Indem nun Adam Smith
seinen Reichtumsbegriff nicht nur auf das Geld, sondern
auf alle stofflichen Güter ausdehnte und von der Arbeit als
Quelle des Reichtums ausging, wurde durch die fasst ausschliessliche Betrachtung des Geldes in seiner Wirkung bei
dem Produktionsprozess der Güter das Kapital jetzt
zu „angesammelten Arbeitsprodukten,
welche zur Deckung des Lebensunterhaltes
der Arbeiter (Lohnzahlung) während der Dauer
des Produktionsprozesses, wie zur Verwertung der Produkte auf dem Markte, wie
zur Beschaffung der erforderlichen Rohmaterialien mit Maschinen und
Werkzeugen verwendet wurden“. Die Grösse des
Kapitalvorrates begrenzte so die Zahl der im Produktionsprozess möglicherweise verwendbaren Arbeiter, sie bedingte
damit auch den Grad der Vollkommenheit der Arbeitsteilung
und so nicht zuletzt die Grösse des Produktionserfolges
überhaupt. Mit dieser Grösse des Produktionserfolges aber
steigt der Reichtum der Nation und also auch der Lohn
der Arbeiter. Mithin sind die angesammelten Kapitalvorräte gewissermassen als: „milde Stiftung im
In der Erinnerung an die Geschichte des
Kapitalismus in England scheint jedoch auch
Adam Smith bei dieser seiner Kapitaldefinition etwas bedenklich geworden zu sein, denn er versäumte es nicht,
den Staatsregierungen folgende ernste Mahnung zu hinterlassen: „Das Interesse des grundbesitzenden
Landwirtes — der von dem „auch“ Grundeigentum
besitzenden Grosskapitalisten scharf zu trennen ist — steht
im engen unzertrennlichen Zusammenhange mit den allgemeinen Interessen der ganzen Gesellschaft. Was zur
Förderung oder Beeinträchtigung des einen dient, fördert
und beeinträchtigt auch die anderen. Beratschlagt das
Volk über Gesetze für Handel und Politik, so können diese
Grundbesitzer es niemals irreleiten, um ihre eigenen Sonderinteressen zu fördern, wenigstens dann nicht, wenn sie
dieses Interesse einigermassen kennen. Ebenso innig ist
das Interesse der Arbeiter mit dem der übrigen
„Da sie während ihres ganzen Lebens sich mit Plänen
und Berechnungen beschäftigen, so ist ihr Verstand in der
Regel mehr geschärft als bei den meisten Landedelleuten;
aber, da ihre Gedanken in der Regel mehr auf das, was
ihrem eigenen Geschäfte, als auf das was der Gesellschaft
im allgemeinen frommt, gerichtet sind, so kann man auf
ihr Urteil, selbst wenn es mit der grössten Unbefangenheit
abgegeben wird, was nicht immer geschieht, mehr bauen,
wenn es den ersten, als wenn es den letzten dieser Gegenstände betrifft. Ihre Ueberlegenheit über den Landedelmann
besteht nicht sowohl darin, dass sie das öffentliche
Interesse, als darin, dass sie ihr eigenes besser verstehen als er das seinige. Durch diese Art der
Ueberlegenheit haben sie oft seine Grossmut gemissbraucht, und
ihn zur Preisgebung seines eigenen wie des öffentlichen
Interesses zu bewegen vermocht, indem sie ihm einredeten,
In der Steuerpolitik verlangt Adam Smith, dass
die Unterthanen möglichst nach dem Verhältnis ihres Vermögens und ihres Einkommens Steuern zahlen sollten.
Diese Steuerpflicht soll durch das Gesetz möglichst genau
und klar bezeichnet werden, sodass der Willkür der Steuereinnehmer kein Raum gelassen ist. Die Steuererhebung
soll sich den Verhältnissen der Steuerzahler derart anpassen,
dass die Steuerleistung möglichst erleichtert werde. Der
Steuerzahler soll auch der Steuerträger sein und nicht die
Steuern auf andere Schultern überwälzen können. Endlich
sollte die billigste Erhebungsform gewählt werden. Als
prinzipieller Gegner des Merkantilsystems ist er gleich
Quesnay nicht minder entschieden gegen alle indirekten Steuern und Gebühren, welche, soweit sie
bestehen, möglichst bald abgeschafft werden sollen. Am
meisten empfehlenswert scheint ihm eine Art Grundrentensteuer auf städtischen und ländlichen Grundbesitz, welche
überdies den Vorzug habe, dass sie eine Art Einkommen
So viel von den Theorien von Adam Smith. * * *
Alle jene wirtschaftlichen Störungen, welche den französischen Revolutionskriegen voraus und in verstärktem Masse neben ihnen einhergingen, haben den nüchternen Beobachter und Denker Robert Malthus erkennen lassen, dass die Schwärmereien eines Wallace, Godwin und Condorcet über die mögliche Vervollkommnung der menschlichen Verhältnisse durch die technischen Fortschritte im Produktionsprozess und Verkehr, und durch die Fortschritte der Wissenschaft nur geeignet seien, höchst gefährliche Irrtümer zu verbreiten. Trotz, oder richtiger gesagt, wegen eben dieser Fortschritte in England, wurde jetzt die Stockung in dem Absatz industrieller Produkte um so empfindlicher und die Steigerung der Getreidepreise um so höher. Das englische Armengesetz aber setzte aller wirtschaftspolitischen Unvernunft die Krone auf. Denn: indem es die Kirchspiele verpflichtete, einem jeden arbeitsfähigen Armen Beschäftigung, jedem Armen einen angemessenen Unterhalt zu verschaffen und die hierzu nötigen Mittel durch Steuern zu erheben, wurde in recht gedankenloser Weise das bestehende Missverhältnis zwischen der Bevölkerungszahl und den Nahrungsmitteln beibehalten und noch mehr verschärft. Einer solchen wenig durchdachten Wirtschaftspolitik
gegenüber, wies Robert Malthus vor allem darauf
hin, dass die Proletariermassen das Streben hätten, sich
in geometrischer Progression zu vermehren, wie 1 zu
2 : 4 : 8 : 16 u.s.w., während die Nahrungsmittel höchstens
in arithmetischer Reihe wie 1 zu 2 : 3 : 4 : 5 zur Verfügung
ständen. Deshalb trete von Zeit zu Zeit ein Miss Für Robert Malthus war die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen nur ein anderer
Ausdruck für die wirtschaftliche Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen. Wenn in dem Zustand
der wirtschaftlichen Freiheit der Einzelne sich nicht selbst
helfen und sich nicht selbst ernähren kann, dann können
ihm auch Staat und Gesellschaft nicht helfen. Aber
Malthus war bei dieser Auffassung sich wohl bewusst,
dass der Staat und die Gesellschaft gleichzeitig
allerdings dafür verantwortlich seien, eine solche
Politik zu treiben, dass dem Einzelnen die Erfüllung seiner
Pflicht der ökonomischen Selbstverantwortlichkeit nicht
etwa erschwert oder gar unmöglich gemacht
werde. Malthus vertrat in diesem Zusammenhange
insbesondere die Ueberzeugung, dass der Staat jedes
einseitige Ueberwuchertwerden der Landwirtschaft durch die Industrie verhüten
müsse. England sei in der Richtung einseitiger Begünstigung
der industriellen Entwickelung auf Kosten der Landwirtschaft schon viel zu weit gegangen. In diesem Sinne
sei allerdings der Staat verantwortlich für die Leiden der
Armen, weil man durch seine Massnahmen und durch seine
So viel aus den Theorien von Robert Malthus. * * *
Während Adam Smith und Robert Malthus ihr volkswirtschaftliches Gebäude zuletzt auf der heimischen Landwirtschaft ruhen liessen, und trotz aller Neigung für den kapitalistischen Produktionsprozess gegen die Alleinherrschaft des Kapitalismus laut ihre warnenden Stimmen erhoben haben, versteht es der Grosskapitalist David Ricardo in recht wirksamer Weise, durch seine Grundrententheorie einen Keil zu treiben zwischen die wirtschaftlichen Interessen der Grundbesitzer und die Interessen der übrigen Bevölkerung. Diese Theorie lautet folgendermassen: Wenn der Boden bester Qualität in genügender Menge
vorhanden ist, um das Brotgetreide für das Volk darauf
zu bauen, dann bestimmen die Produktionskosten den Preis
und darüber hinaus giebt es jetzt keinen Gewinn und keine
Grundrente. Wenn aber dieser beste Boden nicht mehr
ausreicht, das Volk mit Getreide zu versorgen, weil durch
den Andrang der Bevölkerung die Nachfrage nach Getreide
über seine Produktionsleistungen hinaus gewachsen ist,
dann müssen die Getreidepreise steigen und zwar so
hoch, dass die Produktionskosten der schlechtesten,
noch zur Deckung des Getreidebedarfes notwendig unter
den Pflug zu nehmenden Bodenklasse damit noch gedeckt werden. Hiermit ist dann für die besseren,
ursprünglich allein mit Getreide bebauten Böden ein besonderer Gewinn entstanden, der als „Grund * * *
Erst durch diese Art der Ausscheidung des Grundbesitzes aus der engeren harmonischen Interessenverbindung
der Volkswirtschaft war die Interessenpolitik des
Kapitalismus zur Allein - Herrschaft gelangt,
die nun ihren theoretisch konsequenten Ausdruck in den
„Lehren der reinen Freihandelsschule“ gefunden hat.
Jede genauere Untersuchung der konkreten Verhältnisse
und ihres geschichtlichen Werdeprozesses war jetzt überflüssig geworden. Es genügte, nach der von Ricardo
eingeführten abstrakten Methode zu allgemein gültigen Normen
für die Volkswirtschaftspolitik zu kommen, die thatsächlich
nur das eine Ziel erstreben: den Interessen des
spekulativen Privatkapitals zu dienen.
Dies, und nicht der Grundsatz der individuellen Freiheit
So wurde jetzt die Nationalökonomie gelehrt von „reinen“ Theoretikern, wie MacCulloch, James Mill und Senior in England, von J. B. Say, L. L. F. Faucher, Bastiat u. A. in Frankreich, Prince-Smith, Michaelis, Max Wirth u. A. in Deutschland. Für die Nationalökonomen dieser Art kamen die Zeitverhältnisse nur insofern in Betracht, als sie der Ausbreitung der Kapitalsherrschaft günstig waren. Jede Beurteilung des kapitalistischen Freihandels - Systems wird vor Allem anerkennen müssen, dass der Vater desselben, Adam Smith, in bewundernswerter Weise die tieferen ökonomischen Bedürfnisse seiner Zeit erkannt hat. Von dem Jahre 1776 an bis in unsere Tage herrschen diese Theorien in durchaus massgebender Weise. Und wenn heute jemand glauben wollte, die schutzzöllnerischen Ideen hätten die Freihandelslehre verdrängt, so sollte ein Hinweis auf die der internationalen Handelsvertragspolitik beigelegte Bedeutung genügen, um uns zu lehren, wie tief noch allgemein die Theorie von der internationalen Arbeitsteilung uns in den Knochen steckt und dass Schutzzoll und Freihandel für sich allein keine prinzipiellen ökonomischen Gegensätze wissenschaftlicher Art, sondern zunächst nur persönliche Interessengegenstätze bezeichnen. Jede historische Betrachtung der Freihandelsepoche
wird bestätigen müssen, dass eine Periode der Herrschaft
des spekulativen Privatkapitals aller Wahrscheinlichkeit nach
in der Entwicklungsgeschichte keines höheren Kulturvolkes
entbehrlich ist. Wenn es die Aufgabe des Merkantilsystems
war, die überlebten stadtwirtschaftlichen Kreise niederzulegen, die Volkswirtschaft einheitlich zu organisieren und
die Produktivkräfte des Volkes auf grössere Leistungen
vorzubereiten, so war es die Aufgabe des freihändlerischen
Kapitalismus, eben diese Produktivkräfte zur vollen Entfaltung zu bringen. Was nach dieser Richtung, wie nach
der Richtung der Organisation des Verkehrs und des Geld- und Bankenwesens geschaffen wurde, das hat nur die eiserne
Thatkraft der Einzelnen in der unersättlichen Jagd nach
Reichtum und Gewinn zu leisten vermocht. Und nicht
zuletzt ist eben dieser Reichtum, den die kapitalistische
Epoche des Freihandels geschaffen, eine der wesentlichsten
Voraussetzungen für jene neue volkswirtschaftliche Ent Die Kritik aber, welche sich bemüht, auch hier das Dauernde von dem Vergänglichen zu trennen, wird notwendigerweise mit dem ersten Satze des Adam Smith’schen Hauptwerkes beginnen, der bekanntlich lautet: „Die jährliche Arbeit eines Volkes ist der Fond, welcher dasselbe mit allen Bedürfnissen und Annehmlichkeiten des Lebens versorgt, die es jährlich verbraucht und die immer entweder in dem unmittelbaren Erzeugnis der Arbeit oder in demjenigen bestehen, was für diese Erzeugnisse von anderen Völkern gekauft wird.“ Ist dieser Satz richtig? Zunächst wird zu ergänzen
sein, dass die Völker gelegentlich auch Arbeitsprodukte aus
früheren Jahren verbrauchen und dass also der Verbrauch
nicht an die Produktion des laufenden oder vorhergehenden
Jahres gebunden ist. Im Sinne der Adam Smith’schen
Terminologie steckt diese frühere Arbeit in dem Begriff
Kapital, das in seinen Teilen ja aus Arbeitsprodukten besteht. Aber damit wird der Begriff Arbeit im
Produktionsprozess noch nicht erschöpft. Die Arbeitskraft, welche in
den Maschinen und Werkzeugen der höher entwickelten
Kultur enthalten ist und die durch das Hinzutreten der
lebendigen Arbeit des anwesenden Menschen in Aktion tritt,
beschränkt sich nicht auf die Jahresleistungen und nicht
auf die schwielige Hand des Lohnarbeiters. Wenn wir den
Arbeitsbegriff an dem Dampfhammer, an der Bänder - Maschine, an dem modernen Webstuhl, an dem
Dampfpflug u.s.w. richtig analysieren, so kommen wir auf den
grossen und gewaltigen Begriff der Arbeitsgemeinschaft der Menschheit, der in seinen
Zusammenhängen bis über die Stein- und Broncezeit hinausreicht und
nicht nur die Leistungen der schwieligen Fäuste, sondern
auch insbesondere alle Fortschritte von Kultur und Wissen Diese soziale Arbeitsgemeinschaft ist der grundlegende Teil des Begriffes der ökonomischen Arbeit. Indem Adam Smith den rein technischen Begriff der Arbeitsteilung an die Spitze seiner Betrachtungen stellte, hatte er von Anfang an eine viel zu enge Basis gewählt. Und diese zu enge Begrenzung seiner Aufgabe hatte zur weiteren Folge, dass ihm die Arbeit als alleinige und eigentliche Quelle des Reichtums erscheinen konnte. Die Arbeit der Menschheit als Ganzes hat selbstverständlich für die Schaffung des materiellen ökonomischen Reichtums die Erde zur unentbehrlichen Voraussetzung. Alle Stoffe, die wir besitzen und die wir Güter nennen, müssen einmal irgend wo und irgend wann der Erde entnommen worden sein. Deshalb müssen wir schon den ersten Adam Smith’schen Satz dahin abändern, dass wir sagen: Die Erde ist die Quelle, aus welcher die menschliche Arbeit jene Stoffe gewinnt, die in den verschiedenen Graden ihrer Veredelung die Gesamtheit jener Gütermengen ausmachen, die wir den Reichtum des Volkes nennen. Adam Smith ist gleichzeitig in diesen seinen grundlegenden Ausführungen zu sehr in den
Verhältnissen seiner Zeit hängen geblieben. Weil
zu seiner Zeit England den übrigen Völkern technisch in
Adam Smith bezieht sich bekanntlich auf das Beispiel eines Manschettenmachers, der aus einer Flachsmenge im Werte von nur 8 Pfg. eine kunstvolle Spitzenmanschette im Werte von 60 M. herstellen kann und dann auf dem freien Markte für ein kleines Volumen seines veredelten Produktes leicht grosse Massen billiger Nahrungsmittel und Rohprodukte von anderen Völkern einzutauschen vermag. Das scheint zunächst ganz einleuchtend. In Wahrheit aber hat diese Politik der internationalen Arbeitsteilung drei wichtige Dinge zur Voraussetzung:
Dass die Theorie der internationalen Arbeitsteilung nach diesen drei Seiten auf recht unsicherem Boden steht, lässt sich leicht beweisen. Das englische Volk hat schon zur Zeit der Kontinentalsperre recht hart empfinden müssen, wie
gefährlich der damals erreichte Grad der internationalen
Arbeitsteilung für Leib und Leben der einheimischen
Arbeiterbevölkerung war. Der Absatz der industriellen
Zunächst wird auch hier wieder die gerechte Beurteilung anerkennen, dass man zur Zeit von Adam Smith
den Eindruck haben konnte, die Weizenpreise würden
sich dauernd über 200 M. p. 1000 kg, also dauernd
auf der Höhe der bekannten „Kanitzpreise“ halten,
während zu etwas billigeren Preisen in dem benachbarten
Amsterdam anscheinend beliebige Mengen von Brotgetreide
gekauft werden konnten. Dass man unter solchen Umständen vor eineinviertel Jahrhundert in dem industriell
Diese unbedingte Anerkennung der Adam Smith’schen Stellungnahme vorausgeschickt, sind wir heute auf Grund der inzwischen neu gesammelten Erfahrungen in der Lage, in den Adam Smith’schen Argumenten zu Gunsten eines internationalen Handels in Getreide folgende Irrtümer nachzuweisen. Die Getreideernte leidet nicht nur unter dem Einflusse
der Trockenheit und der Nässe, sie leidet auch unter dem
häufig noch schärfer auftretenden Einfluss der Kälte. Auch
grössere Produktionsgebiete schliessen das unerwünschte
Ereignis einer Missernte nicht aus. So hatte das Weizenproduktionsgebiet der Erde innerhalb der letzten 26 Jahre
sieben schlechte Ernten, nämlich in den Jahren 1876,
Es können indessen auch Fälle eintreten, in denen durch andere Faktoren die Zufuhr von Brotgetreide verhindert wird. Einen solchen Fall hatte die englische Geschichte schon bald nach Adam Smith zur Zeit der Napoleonischen Kriege und der Kontinentalsperre zu verzeichnen, als die Preise für 1000 kg Weizen auf 708,80 M. stiegen! Als im Winter 1895/6 ein kriegerischer Konflikt zwischen England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika drohte, brachte die englische Tagespresse Hunderte von Leitartikeln über das Thema: „Krieg zwischen England und Amerika, England muss sich binnen vier Wochen ergeben“ — aus dem ganz einfachen Grunde, weil England in seiner Brotversorgung auf Nordamerika angewiesen sei. Die Adam Smith’sche Theorie der internationalen Arbeitsteilung hat übersehen, dass England nicht der einzige
Industriestaat auf der Welt bleiben konnte. Alle Märchen über die
natürliche Ueberlegenheit und über das natürliche Monopol von
England hatte die Unrichtigkeit dieser Theorie zur Zeit
der Napoleonischen Kriege am eigenen Leibe kennen gelernt
und setzte deshalb damals sofort mit einer energischen
Schutzzollpolitik ein, die bis in die 40 er Jahre des vorigen
Jahrhunderts andauerte. Dann begann man allerdings die
ernste Lehre der Napoleonischen Zeit wieder zu vergessen,
um erst in unseren Tagen von Neuem Erwägungen über
diese drohenden Gefahren anzustellen. Der Sozialist Robert
Blatchford schreibt in seinem „Merie England“, das eine
Verbreitung in weit über eine Million Exemplaren gefunden
hat: „Der Kapitalismus, der die englische Landwirtschaft
zerstört hat, hat zugleich auch die Unabhängigkeit des
englischen Staates zerstört. Noch 20 Jahre des blühenden
Robert Malthus hat die für das englische Volk
so schlimmen Zeiten der Napoleonischen Kriege und der
Kontinentalsperre miterlebt. Deshalb war er in der Lage,
die Adam Smith’sche Lehre in wesentlichen Teilen zu verbessern und zu
ergänzen. Nach seiner Auffassung hat der internationale
Für Robert Malthus ist diese ökonomische Selbständigkeit der Staatsgemeinschaft eine wesentliche Voraussetzung der ökonomischen Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Einzelnen. Nur innerhalb der Grenze des Staates können die Machtmittel desselben bei arbeitsteiliger Produktion einen geordneten gegenseitigen Austausch der Güter dauernd sichern. Je mehr die arbeitsteilige Produktion in wesentlichen Dingen vom Auslande abhängig wird, desto mehr läuft sie Gefahr, durch unberechenbare Ereignisse tiefgehende Störungen zu erleben, zu deren Beseitigung die Machtmittel des Staates nicht mehr ausreichen und für welche dann die Einzelnen schuld- und schutzlos zu leiden haben. Solche Krisen sind speziell der industriestaatlichen Entwicklung eigen
Wer nach Robert Malthus auch hier den Mut
hat, der Wahrheit ins Auge zu schauen, wird als Politiker
— statt dieser verhängnisvollen Entwicklungstendenz der
Krankheit in kurzsichtiger Weise zu folgen — bemüht sein
müssen, dem volkswirtschaftlichen Körper
Die Kritik dieser Malthus’schen Lehre hat bis heute
darauf hinweisen können, dass für junge Kulturländer,
wie Nordamerika, Argentinien u.s.w. die Malthus’schen
Theorien zur Erklärung der Krisen nicht verwendbar sind.
Man hat auch mit Recht betont, dass Malthus eigentlich
nicht gezeigt habe, wie der Uebergang aus der einseitig industriellen Entwicklung zur
harmonischen Entwickelung von Landwirtschaft und Industrie wirtschaftspolitisch
vollzogen werden könnte. Mit der Abschaffung der
armenrechtlichen Verpflichtungen jeder Art
zur Unterstützung der Hungernden und mit der Einführung genügend hoher Schutzzölle
Dem Adam Smith’schen Kapitalbegriff
gegenüber haben namentlich Rodbertus und Adolf
Wagner schon darauf hingewiesen, dass mindestens
zwischen Kapital im volkswirtschaftlichen und
Kapital im privatwirtschaftlichen Sinne unterschieden werden müsse. Wenn es einem Unternehmer
gelingt, seine Lohnarbeiter in rücksichtslosester Weise auszubeuten, so kann der Reichtum, den er alsdann in seiner
Tasche ansammelt, einer solchen Belastung der Gesamtheit
infolge der Verelendung der Arbeiterfamilien gegenüberstehen, dass unmöglich eine gleichzeitige Zunahme des
Nationalreichtums angenommen werden kann. Wenn ein
Spekulant an der Börse durch geschickte Verbreitung
falscher Nachrichten eine nach grossem Styl angelegte
Baissespekulation mit reichem Gewinn zu Ende führt, so
haben auf dem Getreidemarkte z. B. andere Personen das
Geld millionenfach verloren, das der eine Spekulant
dabei gewonnen, während der ganze Vorgang den nationalen
Gütervorrat an sich völlig unberührt gelassen hat. Wenn
ein Güterschlächter in einer Bauerngemeinde sein unheilvolles Gewerbe zum Abschluss gebracht hat, so mag seine
Privatbörse eine wohlgefüllte sein, die nationale Produktion
aber hat dieser Mann ganz gewiss nicht gefördert, sondern
C. Menger hat deshalb seine Definition des Kapitals wieder mehr dem Begriff des Kapitalismus und der ursprünglichen und allgemeinen Auffassung des Kapitals angepasst, indem damit das „Vermögen der Erwerbswirtschaft bezeichnet wird, dessen Geldwert Gegenstand unseres ökonomischen Calculs ist und das sich uns rechnungsmässig als eine werbende Geldsumme darstellt.“ Aber auch hierbei scheint Vorsicht von Nöten zu sein. Die mehr als hundertjährige Herrschaft des Adam Smith’schen Kapitalbegriffes ist uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass heute auf der kleinsten landwirtschaftlichen Winterschule den Bauernsöhnen gelehrt wird, den ökonomischen Jahreserfolg der Bauernwirtschaft nach rechnerischem Calcul zu zerlegen in: Grundrente, Kapitalzins und Arbeitslohn. Fast jede landwirtschaftliche Produktionskostenberechnung zählt selbstverständlich zu den Kosten auch die Zinsen des investierten Kapitals. Wo die öffentliche Meinung so gründlich von kapitalistischen Anschauungen durchsetzt ist, da wird es ratsam sein, den allgemeinen Sprachgebrauch nicht als Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen Definition zu wählen. Hier scheint es richtiger, auf die Quelle dieses Begriffes bei Adam Smith zurückzugreifen. Da ist es nun vor Allem wichtig, sich zunächst zu
erinnern, dass Adam Smith selbst wohl der unbedingten
Richtigkeit seines Kapitalbegriffes nicht voll vertraute. Sonst
Weiter ist zu beachten, dass Adam Smith beim Kapital ebenso wie bei der Preisbewegung für landwirtschaftliche und industrielle Produkte ganz bestimmte Normen kannte, denen eine gute gesunde volkswirtschaftliche Entwicklung sich möglichst zu nähern habe. Bei gesunden volkswirtschaftlichen Zuständen, wie sie auch in England schon einmal waren, ist nach Adam Smith der einzelne Arbeiter in der Regel auch Eigentümer seiner Produktionsmittel und besitzt genug Vermögen, um sich während der Dauer der Produktion zu erhalten. In diesem Falle ist dann das Arbeitsprodukt der naturgemässe Arbeitslohn. In diesem Normalfalle giebt es weder ein Kapital, noch einen Kapitalzins, noch eine Grundrente, sondern nur naturgemässen Arbeitslohn. Auf dieser Basis lässt sich nun die Lehre vom Kapital folgendermassen anschliessen. Diese normalen Verhältnisse werden häufig in der
Weise gestört, dass Geldbesitzer die Macht gewinnen, die
selbstständigen Arbeiter ihrer Produktionsmittel zu berauben.
So kam es in England schon Ausgangs des Mittelalters
zur Vernichtung des englischen Bauernstandes hauptsächlich
durch die Wollinteressenten. Dann teilt sich die natürliche
Grundzelle der Volkswirtschaft, der Mittelstand nämlich,
in Arbeit und Produktionsmittel und es tritt ein Zustand
ein, den man als den kapitalistischen auch deshalb bezeichnen kann, weil alle grösseren
Produktionsleistungen jetzt unter der Herrschaft und Oberleitung des
spekulativen Privatkapitals stehen, womit jedoch in keiner
Weise gesagt werden darf, dass sich das spekulative Kapital
etwa nur darauf beschränken würde, den Produktionsprozess
Die volkswirtschaftliche Produktion unter der Herrschaft
des Kapitalismus drängt leicht zur Spezialisierung in der
Produktion, zur internationalen Arbeitsteilung, zur Abhängigkeit vom Auslande hinsichtlich des Absatzes der industriellen
Produkte, wie hinsichtlich der Getreideversorgung des
Volkes und des Bezuges an Rohstoffen. Da nun in der
Zeit einer anscheinend aufsteigenden Entwicklung die
Proletarierbevölkerung sich immer stark vermehrt, so tritt
zur Zeit der bei kapitalistischer Herrschaft unausbleiblichen Krisen mit der Stockung der Getreidezufuhr vom
Auslande ein plötzlicher „Andrang der heimischen
Bevölkerung“ auf dem bis dahin vernachlässigten heimischen
Getreidemarkt ein, welcher die Getreidepreise jetzt so hoch
treibt, dass sie durch ihre Höhe zur genügenden
Getreideproduktion im eigenen Lande binnen kürzester Zeit
anreizen. In diesem Falle erzielen die Eigentümer
der besseren Böden einen Extragewinn, der sich mit
der Ricardo’schen Grundrente deckt. Die Kritik
hat mit Recht behauptet, dass unter solchen Umständen die
Beibehaltung des privaten Grundeigentums sich nicht mehr
rechtfertigen lässt. Die Kritik hätte gleichzeitig noch einen
guten Schritt weiter gehen und sagen können, dass
unter solchen Zuständen die ganze Unhaltbarkeit der
rein kapitalistischen Ordnung der Volkswirtschaft in aller
Schärfe uns entgentritt und dass deshalb die Wieder Die Litteratur nach David Ricardo hat jedoch diese Schlüsse zunächst nicht gezogen. Ihr schien vielmehr die reinste Darstellung der kapitalistischen Volkswirtschaftslehre die zunächst wichtigste Aufgabe aller ökonomischen Wissenschaft. Sie hat damit heute den Beweis wesentlich erleichtert, dass eine kapitalistische Ordnung des ökonomischen Volkslebens nicht von Dauer sein kann. Die „reinen“ bedingungslosen Freihändler waren bekanntlich der Ansicht, dass die beste Ordnung unserer volkswirtschaftlichen Verhältnisse darin bestehe, die vier wichtigsten Güterkategorien, nämlich die Arbeit, den Grund und Boden, das Geld und die eigentliche Ware dergestalt in freihändlerische „Ware“ zu verwandeln, dass auf all diesen Gebieten alle volkswirtschaftliche Sorge dem spekulativen Privatkapital überlassen werde. Diese bedingungslose freihändlerische Richtung hat bekanntlich in allen modernen Kulturländern den Gesetzgebungsapparat in ihre Gewalt bekommen. Fast überall tragen heute noch die Völker die Fesseln dieser Freihandelsgesetze. Und wie haben diese sich in der Praxis bewährt? All jene furchtbaren Missstände, welche die freihändlerische Behandlung der Arbeit
als „Ware“ zur Folge hatte, hat den modernen wissenschaftlichen
Sozialismus gezeitigt, der wirtschaftspolitisch die Verstaatlichung
der Produktionsmittel fordern zu müssen glaubt. Die heute
in Deutschland herrschende kathedersozialistische
Richtung hat sich der sozialistischen Kritik des Freihandels
auf dem Gebiete der Lohnarbeit angeschlossen. Und seit
dem Beginn der modernen sozialen Gesetzgebung zu
Der Güterschlächter, als hervorragendster Repräsentant des Freihandels in Grund und Boden, wird heute in fast allen Kulturländern als eine Persönlichkeit betrachtet, die mehr oder minder scharf unter Polizeiaufsicht gestellt werden muss. In den Alpenländern ausserhalb der Schweiz, wie in den landschaftlich schönsten Teilen der deutschen Mittelgebirge zeigen sich bereits höchst verdächtige Entwickelungen der Latifundienbildung zu Jagdzwecken, sodass es nur noch eine Frage der Zeit sein kann, bis die Gesetzgebung auch hier dem unheilvollen „Kapitalismus“ entgegentreten muss. Dazu kommen fortwährend sich mehrende Gesetze im Sinne einer positiven Ordnung des bäuerlichen Erbrechts, Massnahmen gegen die schwindelhaften Bauspekulationen in den Städten, Bestrebungen zu Gunsten einer Neuordnung der Grundverschuldung u.s.w. All diesen Gesetzen und wirtschaftspolitischen Strömungen aber liegt die eine feste Ueberzeugung zu Grunde: es war ein höchst bedenklicher Irrtum des Freihandels, Grund und Boden als „Ware“ zu behandeln. Die freihändlerische Lehre vom Gelde hat bereits
verschiedene Wandlungen durchgemacht. Nachdem ursprünglich in den Ländern mit Doppel-Währung die freie
Prägung der beiden Edelmetalle beliebt war, sodass dem
spekulativen Privatkapital auch die Festsetzung des Metallgeldvorrates überlassen blieb, siegte dann die Richtung zu
Gunsten einer internationalen Goldwährung, womit in
Doppelwährungsländern die freie Prägung eingestellt wurde.
Die Erklärung für diese veränderte Auffassung liegt nahe:
nicht nur der internationale Warenverkehr, auch die internationale Ausbeutung der Völker durch das spekulative
Ja nicht einmal bei der eigentlichen Ware konnte die Freihandelslehre ihre Anerkennung bis heute erhalten. Es klang doch so überzeugend fest für jedermann: der Preis der Ware wird am zweckmässigsten bestimmt durch Angebot und Nachfrage auf dem freien Markte. Ist das Angebot zu gross, dann geht der Preis zurück und wirkt einschränkend auf die Produktion. Ist das Angebot zu klein, so steigt der Preis und wirkt anregend auf die Produktion. So wurde die Preisbildung auf dem freien Markte auch zum volkswirtschaftlichen Regulator der Produktion. In der Praxis aber zeigte sich folgendes: Die Preisbildung des freien Marktes unter der Herrschaft des spekulativen Privatkapitals ist keine solche nach weiten festen Gesichtspunkten, sondern in recht nervöser Weise an die tägliche und stündliche Marktsituation gebunden. Die Augenblickssituation des Marktes beherrscht den freihändlerischen Marktpreis. Und weil diese Situation ausserordentlich wechselvoll sich gestaltet, ist die Preisbewegung auf den freien Märkten nie vor Ueberraschungen sicher und deshalb eine fortwährend schwankende.
Der Konsument hat ein recht bedeutendes Interesse
daran, schon im Voraus für eine möglichst lange Zeit zu
wissen, was eine bestimmte Ware ihn kosten wird. Jede
Art von Haushaltung wird damit wesentlich erleichtert.
Nicht minder verlangen die Interessen der Produzenten
die gleiche möglichste Stabilität der Preise. Nur dann sind
einschneidende Reformen im Produktionsprozess allgemein
möglich und zu rechtfertigen. Weil nun die Schwankungen
in der Tagessituation des Marktes hauptsächlich in der
ungeordneten Ablieferung der Produzenten an den Markt und in den Fälschungen
der Marktnachrichten durch das Spekulationsinteresse verursacht werden, beginnen neuerdings die
Produzenten eine bessere Ordnung des Marktes in der
Weise zu schaffen, dass sie sich an der Organisation des
Nachrichtendienstes über und für den Markt wesentlich
beteiligen, dadurch Nachrichtenfälschungen bedeutend erschweren und endlich auf Grund dieses
Nachrichtendienstes die Zufuhren zu dem Markte gemeinsam in
Das ist der heute ganz allgemein erkennbare Entwickelungszug bei fast allen Waren, und deshalb muss gesagt werden: selbst für die Ware im eigentlichen Sinne hat unsere Zeit schon begonnen, diejenige Freihandelslehre über Bord zu werfen, welche sagt, dass das spekulative Privatkapital auf dem freien Markt am besten in der Lage sei, die Warenpreise im volkswirtschaftlichen Sinne zu regulieren. Der gesunde und dauernde Kern dessen aber, was wir als den ökonomischen Liberalismus bezeichnen können, entstammt aus der Zeit vor dem „reinen“ und „bedingungslosen“ Freihandel und lässt sich etwa in folgenden Sätzen zusammenfassen: 1. Auf einer gewissen Stufe der volkswirtschaftlichen Entwickelung muss das Prinzip der wirtschaftlichen Freiheit des Einzelnen, welcher andererseits das Prinzip der Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen entspricht, zur allgemeinen Anerkennung gelangen. Danach kann der Staat den Einzelnen nicht ernähren, wenn er sich nicht selbst ernährt, und der Staat kann den Einzelnen nicht bereichern, wenn er sich nicht selbst bereichert.
3. Zu diesen normalen volkswirtschaftlichen Verhältnissen, wie sie sein sollen bezw. erstrebt werden sollen, gehört ein bedeutendes Vorherrschen des Mittelstandes, der Eigentümer seiner Produktionsmittel und wohlhabend genug ist, sich während der Dauer der Produktion selbst zu ernähren. In diesem Falle ist dann das Arbeitsprodukt der naturgemässe Arbeitslohn. Hier bleibt die Bevölkerungsbewegung innerhalb der rechten Proportion zur Nahrungsmittelzunahme. Hier giebt es weder Kapital noch Zins noch Grundrente. 4. Werden diese normalen volkswirtschaftlichen
Verhältnisse durch Ausbreitung und Herrschaft des Privatkapitals wesentlich gestört, dann trennt sich der Mittelstand in Kapitalisten, Grundbesitzer und
5. Diese kapitalistische volkswirtschaftliche Ordnung ist deshalb für die Gesamtheit so ausserordentlich gefahrvoll, weil dann bei den Proletariern die ausgesprochene Tendenz besteht, über die heimische Nahrungsmittelproduktion immer mehr hinauszuwachsen. Diese Tendenz ist um so gefahrvoller, weil die Herrschaft des spekulativen Privatkapitals zur immer schärferen internationalen Arbeitsteilung neigt und damit das Wohlergehen der eigenen Volkswirtschaft in eine immer bedenklichere Abhängigkeit kommt von dem Wohlverhalten fast aller Länder der Erde. Weil aber in der Welt erfahrungsgemäss tiefere ökonomische Störungen immer wiederkehren, wird dann jedes Mal die eigene Volkswirtschaft von einer entsprechenden einschneidenden Krisis heimgesucht, in welcher die Einzelnen schuldlos und schwer leiden müssen für die Unterlassungssünden des Staates. In solchen kritischen Zeiten durch irgend welche armenrechtlichen Bestimmungen „helfen“ wollen, ist Selbstbetrug, der die Vernichtung der Volkswirtschaft nicht nur nicht aufhalten, sondern nur beschleunigen kann. Hier giebt es nur eine Art der Rettung und das ist: eiligste Rückkehr zu normalen volkswirtschaftlichen Verhältnissen. 6. Der Wert der Arbeitsprodukte bestimmt
sich im Prinzip nach den Produktions- resp. Reproduktionskosten und ist also gleich dem
„Buchwerte“. Je mehr sich der Preis der Waren dieser
7. Die beste Steuer ist eine Einkommensteuer mit der Heranziehung des Vermögens und unter besonderer Belastung desjenigen Einkommens, das weder Sorge noch Arbeit gekostet hat. Vorbemerkungen und Litteratur: Der moderne wissenschaftliche Sozialismus wurde durch Karl Marx und Friedrich Engels gemeinsam begründet. Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 als Sohn eines jüdischen
Advokaten in Trier geboren, der im Jahre 1824 über Aufforderung
der preussischen Regierung mit seiner Familie zum Protestantismus
übertrat. Karl Marx studierte von 1835 bis 41 in Bonn und
Berlin Rechtswissenschaften und Philosophie. Seine 1841 beabsichtigte Habilitation in Bonn unterblieb unter Einfluss ministerieller
Massnahmen gegen radikale Universitätsdozenten. Wurde Journalist.
Gründung der „Rheinischen Zeitung“ von Jung-Hegelianern
im Einverständnis mit den liberalen Führern Camphausen und
Hansemann als grosses Oppositionsblatt in Köln. Marx schrieb
über bäuerliche Winzerverhältnisse an der Mosel und die Gesetzgebung betreffend den Holzdiebstahl. Wurde im Oktober 1842
Chef - Redakteur der „Rheinischen Zeitung“. Musste am 1. Januar 1843
Preussen verlassen. Ging nach Paris. Studium der französischen
Sozialisten (Proud’hon) der politischen Oekonomie und Geschichte
Frankreichs. Sein Uebergang zum Sozialismus. Wurde Mitarbeiter
am „Vorwärts“, einem kleinen in Paris erscheinenden Wochenblatte, das sich hauptsächlich mit dem damaligen deutschen Absolutismus und Konstitutionalismus kritisch beschäftigte. Preussen
verlangte Marx’ Ausweisung aus Paris. Die französische Regierung
entsprach diesem Verlangen. Marx ging 1845 nach Brüssel,
veröffentlichte hier seine Streitschrift gegen Proud’hon „Misère de
la philosophie, réponse à la philosophie de la misère“ 1847. Im
Frühjahr 1847 waren Karl Marx und Friedrich Engels dem
Bunde der Kommunisten, einer geheimen internationalen Propagandagesellschaft, beigetreten, in deren Auftrage sie gemeinsam im Januar
1848 „Das Manifest der kommunistischen Partei“
verfassten. Im Frühjahr 1848 aus Belgien ausgewiesen kommt er
nach kurzem Aufenthalt in Paris im April 1848 wieder nach Köln,
wo vom 1. Juni 1848 ab die „Neue Rheinische Zeitung“
erschien, die am 19. Mai 1849 zum letzten Male zur Ausgabe gelangte. Die Redakteure wurden teils verhaftet, teils landesverwiesen.
Wieder nach Paris gewandert, musste Marx auch hier flüchten,
um vom Juli 1849 ab im Alter von 31 Jahren in London
dauernd Wohnsitz zu nehmen, wo rastlose Studien in der Bibliothek
des britischen Museum abwechselten mit praktisch-politischer
Friedrich Engels, als Sohn eines reichen Fabrikbesitzers in Barmen am 28. November 1820 geboren, verbrachte seine kaufmännische Lehrzeit in einem Zweiggeschäfte seines Vaters in Manchester, beschäftigte sich viel mit philosophischen Studien, traf im September 1844 mit Karl Marx in Paris zusammen, mit dem er sich rasch innigst befreundete. Von 1845 bis 49 lebte Engels mit Marx in Brüssel und Paris und dann in Köln. Er beteiligte sich als Adjutant des Willig’schen Freicorps am badischen Aufstande und flüchtete dann nach England, wo er von 1850 bis 70 im väterlichen Geschäfte in Manchester thätig war, in den letzten 6 Jahren als Associé. Seit 1870 lebte Engels in London, wo er am 6. August 1895 starb. Engels war für Marx nicht nur der treue Mitarbeiter, welcher mit liebevollem Verständnis seinen Intentionen und Ideen gefolgt ist, er entlastete ihn auch vielfach von den Mühen der praktisch-politischen Agitation, ohne dadurch seine Fühlung mit der politischen Praxis zu unterbrechen, und er war endlich der wohlhabende Mann, welcher in selbstloser Weise aus seiner gut gefüllten Börse Hunderttausende zur Verfügung stellte, um auch so das gemeinsame Werk in jeder Weise zu fördern. Von seinen vielen Schriften verdienen besondere Erwähnung: „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“, Neudruck Stuttgart 1882. „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, 4. Auflage, Berlin 1891. „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, 6. Auflage, Stuttgart 1894. Für die Zeitverhältnisse kommen hauptsächlich in Betracht: Engels, „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“ und Karl Marx: „Das Kapital“ 1. Band und die in diesen beiden Werken benutzten englischen parlamentarischen Erhebungen. Ueber tendenziöses Zitiren dieser parlamentarischen Enquête bei Marx, vergleiche: Weyer, „Die englische Fabrikinspektion“, Tübingen 1888.
* * *
Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschah das Spinnen und Weben der Stoffe auch in England im Hause des Webers. Die Mutter mit den Töchtern spannen das Garn, das der Mann verwebte. Diese Weberfamilien lebten auf dem Lande, in der Nähe einer Stadt. Die Nachfrage nach Stoffen steigerte sich mit der Zunahme der Bevölkerung. Man verkaufte Garn und Gewebe an reisende Agenten und erhielt im Preis der Arbeitsprodukte seinen Arbeitslohn. Die Leute lebten in bescheidenen Verhältnissen zufrieden, hatten zumeist eine kleine Landparzelle gepachtet, um ihren Küchenbedarf selbst zu pflanzen und waren dabei gesund und wohl, wie die Landleute. Da kam — nachdem schon um 1700 Maschinen zum
Spinnen erfunden, aber von der Bevölkerung immer wieder
unterdrückt wurden — um das Jahr 1764 die Einführung
der Jenny, welche von einem Arbeiter mit der Hand getrieben, statt 1 Spindel, wie das gewöhnliche Spinnrad,
Aber mit der Einführung der Jenny hatte die Maschine erst ihren Anfang genommen. Bald begannen einzelne Kapitalisten, Jennys in grossen Gebäuden aufzustellen und durch Wasserkraft zu betreiben. Dann kam im Jahre 1767 die Erfindung des Spinning-Throstle, bei uns Drosselmaschine genannt, die von Anfang an auf eine mechanische Triebkraft berechnet war. Durch Vereinigung der Jenny mit der Drosselmaschine kam 1785 die Mule zu Stande. Und da um dieselbe Zeit die Kardir- und Vorspinnmaschine erfunden wurde, war das Fabriksystem zunächst für das Spinnen der Baumwolle fertig geworden. Die Maschinen für das Spinnen von Wolle, Flachs und Seide folgten. Im Jahre 1804 trat der mechanische Webstuhl in Betrieb, nachdem schon seit 1785 James Watt’s Dampfmaschinen als Triebkraft in den Spinnereien verwendet worden waren. An diese Entwicklung der Fabrikation der Bekleidungsstoffe schloss sich mit der Ausdehnung des
Maschinenbaues auch die Entwicklung der Eisen- und Steinkohlen ![]() Die Grafschaft Lancashire, der Hauptsitz der Baumwollindustrie, hat ihre Bevölkerung in 80 Jahren verzehnfacht und die beiden Grossstädte Liverpool und Manchester geschaffen. Aehnlich gewaltige Fortschritte verzeichnen die anderen Industrien. An Kohlengruben zählte man in den beiden Grafschaften Northumberland und Durham
1753 . . . . 14
1800 . . . . 40
1836 . . . . 76
1843 . . . . 130
England allein hatte im Jahre 1844 2200 Meilen
Kanäle und 1800 Meilen schiffbare Flüsse. Von 1818 bis
1829 wurden in England und Wales 1000 englische Meilen
Chausseen mit einer Breite von 60 engl. Fuss gebaut.
Dazu das erste englische Dampfschiff seit 1811, die erste
englische Eisenbahn seit 1830. — England stand mitten
Und wie war in dieser Entwicklungsepoche die Lage der arbeitenden Klasse
in England? — Eine jede maschinelle Erfindung verdrängt Handarbeit in einem gewissen Umfange, steigert die
Produktionsleistung, setzt die Produktionskosten herab, ermöglicht den Massenkonsum und steigert dadurch wieder
die Nachfrage nach Arbeitsprodukten und also schliesslich
auch die Nachfrage nach Arbeit. So war durch die Spinnmaschine die Handspinnerei binnen kurzer Zeit brotlos
geworden, denn es war der Handspinnerin unmöglich, neben
der Maschine sich mit ihrer Arbeit das Brot zu verdienen.
Die Nachfrage nach Handwebern war allerdings mit der
Spinnmaschine wesentlich gewachsen und dementsprechend
ihr Lohn. Mit dem mechanischen Webstuhl aber wurden
auch die Handweber zu Grunde gerichtet. Ihre Löhne
gingen rapid zurück. Bald waren sie froh, bei 14- bis
18stündiger täglicher Arbeitszeit nur 10 M. statt wie früher
bis 40 M. wöchentlich zu verdienen. Der Hunger und die
Not trieb allerdings die Mehrzahl dieser Handweber als
Lohnarbeiter in die Fabriken. Aber zum Erlernen ungewohnter Arbeiten an einer Maschine ist eine gewisse Jugend
erforderlich. Das Alter eignet sich hierzu nicht mehr; es
bleibt am alten Werkzeug hängen, um mit ihm zu Grunde
zu gehen. Diese unheilvollen Begleiterscheinungen des
Prozesses der Verdrängung von Handarbeit durch die
Maschine wiederholten sich mit jeder maschinellen Verbesserung und Erfindung. Und bis schliesslich die günstigen
Die massenhafte Beschäftigung der Frauen und Mütter
durch 12 bis 13 Stunden pro Tag in der Fabrik lässt die
Kinder wild wie Unkraut aufwachsen. Deshalb vor Allem die
grosse Zahl von Unglücksfällen gerade in Fabrikdistrikten.
Die Fabrikanten zahlten bei Unglücksfällen höchstens
die Kurkosten. Was sonst aus dem Arbeiter wurde, war
ihnen gleichgültig. Aus Furcht, die Arbeit zu verlieren,
kamen die Frauen oft schon drei bis vier Tage nach der
Niederkunft wieder in die Fabrik. Die arbeitslos gewordenen
Um das in den Gebäuden und Maschinen steckende
Kapital möglichst rentabel zu machen, ging man von dem
möglichst langen Arbeitstag zur Tag- und Nachtarbeit mit 2 Schichten zu je 12 Stunden über. Andere
Unternehmer liessen viele Arbeiter 30 bis 40 Stunden
durcharbeiten. Dazu schlechte Ventilation in den Fabriken,
höchst ungesunde, überfüllte Massenquartiere, schlechte,
mangelhafte Ernährung, die furchtbaren Wirkungen der
Handelskrisen in den Jahren 1815, 1825, 1836/39, 1847,
1857, welche die Arbeiter zu Hunderttausenden arbeitslos
machten — und das körperliche wie sittliche Verderben der
Arbeitermassen war eine unabwendbare Konsequenz. Eine
lange Reihe von Krankheiten und Verkrümmungen des
Körpers mit Hungertyphus und Volksseuchen aller Art,
erschreckende Zunahme des Pauperismus und der Trunksucht mit all ihren Folgen stellten sich ein. Die
Lebensdauer der Arbeiter ging wesentlich zurück. In Liverpool
war die durchschnittliche Lebensdauer der höheren Klasse
35, der Geschäftsleute und besseren Handwerker 22, der
Arbeiter und Tagelöhner 15 Jahre. Gegen das 40. Jahr
wurden die Arbeiter als „alte Leute“ in der Regel entlassen.
Die Verhaftungen für Kriminalverbrechen hatten sich in
Solch’ entsetzliche Missstände beschäftigten natürlich die öffentliche Meinung von Anfang an. Vom Jahre 1802 ab wurden wiederholt Spezialgesetze zum Schutze der Arbeiter erlassen. Aber all diese gesetzlichen Bestimmungen blieben tote
Buchstaben. Die englische Verknüpfung der Lokalverwaltung
mit dem Fabrikantentum hatte z. B. zur Folge, dass ein
Friedensrichter, welcher einen seiner Kollegen wegen Verletzungen der Fabrikarbeitergesetzgebung zur Verantwortung
gezogen und freigesprochen hatte, sich dann auf seine
eigne Rechtsentscheidung stützte, als er nachher seine
Arbeiter in der gleichen Art ungesetzlicherweise ausbeutete.
Die allmächtigen Fabrikbesitzer hatten das Ohr der Regierung.
Alle berühmten Professoren der Nationalökonomie waren
prinzipiell gegen jede staatliche Einmischung in die
volkswirtschaftlichen Verhältnisse. Dennoch kam nach
vielem Ringen — ohne Mithilfe der nationalökonomischen
Wissenschaft und selbst gegen ihren Rat — im Jahre 1833
das erste einigermassen wirksame englische Fabrikgesetz
zum Schutz der Textilarbeiter zu Stande. Bald wussten die
Fabrikanten auch diese Rechtsbestimmungen zu umgehen.
Weitere ergänzende Gesetze wurden deshalb erforderlich.
Auch auf die anderen Industriezweige kamen nach und nach
die gleichen öffentlichen Arbeiterschutzbestimmungen zur
Ausdehnung, nachdem überall fast die gleichen schreienden
Misstände aufgedekt worden waren. Vorher aber wurden
immer wieder nach der englischen Parlamentssitte besondere
öffentliche Enquêten veranstaltet, in deren umfangreichen
Berichten sich all diese Vorkommnisse gesammelt und
niedergelegt finden. In den Materialien dieser amtlichen
englischen Erhebungen bis 1866 ruht die empirische Unterlage des „Marxismus“, wobei Karl Marx der Meinung war,
Der sogenannte „utopistische“ Sozialismus vor Marx und Engels hat in ähnlichen Fällen der Ausbeutung und Verelendung — wie sie vorstehend als die Lage der englischen Fabrikarbeiter seit Ausgang des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts geschildert wurden — seine Aufgabe hauptsächlich darin gefunden, Pläne für eine durchgehende Neugestaltung der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu entwerfen, welche eventuell geeignet wären, solche Missstände künftig auszuschliessen. Vom Standpunkt der Methode lag hier das „Utopische“ hauptsächlich darin, dass man sich ohne jegliche Rücksicht auf das historisch Gewordene, wie auf den historischen Werdeprozess überhaupt, dem konstruktiven Ausmalen der einmal gefassten Reformideen widmete. Was dagegen dem Marx-Engels’schen Sozialismus den Charakter einer „wissenschaftlichen“ Leistung verleiht, ist nicht etwa die Summe und Schönheit ihrer abstrakten Gedankenbilder an sich, sondern lediglich der Umstand, dass Marx bemüht war: die dieser Ausbeutung der englischen Fabrikarbeiter zu Grunde liegenden ökonomischen Gesetze abzuleiten, um dann im Sinne der historisch – volkswirtschaftlichen Entwicklungstendenz die Antwort auf die Frage zu finden, wie diese Missstände durchgreifend beseitigt werden könnten? Der Marx-Engels’sche Gedankengang ist dabei etwa der folgende: Woher stammt der Reichtum der englischen Fabrikunternehmer? Bei Freihandel ist nicht anzunehmen, dass
Nun ist aber auch bei der Ware „menschliche Arbeit“ der Tauschwert vom Gebrauchswert verschieden, insofern die lebendige Arbeitskraft wesentlich mehr Arbeit leisten kann, als zur Reproduktion erforderlich ist. Wenn z. B. nur die Arbeit von einem halben Tage nötig wäre, um den Arbeiter 24 Stunden zu erhalten, so hindert das den Arbeiter keineswegs, dennoch einen ganzen Tag zu arbeiten. Und weil die menschliche Arbeitskraft diese Fähigkeit hat, mehr Arbeit zu leisten, als sie verbraucht, spricht Karl Marx von einer „Mehrarbeitsleistung des Arbeiters“. Und der Wert dieser Mehrarbeit ist der Marx’sche „Mehrwert“. Diese theoretische Konstruktion auf den Lohnvertrag
angewendet, giebt folgendes Resultat: Der Fabrikarbeiter
verkauft dem Kapitalisten seine Arbeitskraft für eine gewisse
tägliche Geldleistung (Lohn). Nach der Arbeit von wenigen
Stunden ist der Wert des Lohnes reproduziert. Aber der
Arbeitsvertrag bindet den Arbeiter, noch eine Reihe von
Stunden weiter zu arbeiten, um seinen Arbeitstag voll zu
machen. Und der Wert, den er in diesen zusätzlichen
Diese so auf dem Prinzip der Ausbeutung der Arbeiter
sich aufbauende kapitalistische Produktion trägt den Keim
der Auflösung in sich. Die sicheren Anzeichen dafür sind
die Krisen. Schon der Anfang der kapitalistischen Produktion
charakterisiert sich durch die Auflösung der bis dahin bestehenden lokalen Ordnung der Produktion (Zunft). Jetzt
sind die Produzenten ganz selbständig und vereinzelt.
An die Stelle der früheren Organisation ist die „Anarchie
der Produktion“ getreten. Dafür besitzen wir eine desto
straffere gesellschaftliche Organisation in den einzelnen
Produktions-Etablissements. Die älteren Produktionsarten,
So wird die für die kapitalistische Produktion so wichtige „Reservearmee“ geschaffen, erhalten und fortwährend vermehrt, um damit erst den Arbeiter in ein dem Kapitalisten vollkommen ergebenes Objekt der Ausbeutung zu verwandeln. Die Arbeiterklasse aber sinkt immer tiefer, der Mittelstand verschwindet, die kapitalistische Produktion konzentriert sich in immer grössere Unternehmungen, deren Interessen über den nationalen Markt hinauswachsen, und dem Weltmarkt den internationalen Charakter des kapitalistischen Ringens aufdrücken. Soviel von der Karl Marx’schen „ökonomischen
Gesetzmässigkeit des kapitalistischen
Produktionsprozesses“. Wohin aber wird diese
Entwickelung führen, und wo findet sich ein Weg zu
Gunsten der armen ausgebeuteten Fabrikarbeiter? Zur
Beantwortung dieser Frage hat sich Karl Marx eine besondere Geschichtsauffassung konstruiert, die den Namen
„materialistische Geschichtsauffassung“
trägt, und die sich zu seiner kapitalistischen Produktions– Schon Ludwig Feuerbach, Saint-Simon, Louis Blanc und Andere hatten die Anschauung vertreten, dass nicht die Ideen die Geschichte beherrschen, sondern dass die Ideen von den Menschen nach Massgabe der Zeitverhältnisse gebildet werden und dass also nicht die Ideen, sondern die realen Verhältnisse das Grundlegende seien im Entwickelungsverlaufe der Geschichte. Karl Marx ging hier noch einen wesentlichen Schritt weiter, indem er den Satz aufstellte: die materiellen Produktivkräfte — also der technische Produktionsprozess — beherrschen die Volksgeschichte. Heute ist die Maschine im Begriff die ganze Ordnung der menschlichen Gesellschaft von Grund aus umzugestalten, und in ganz analoger Weise haben die früheren technischen Fortschritte die geschichtliche Entwicklung regiert. Die sozialen Veränderungen aber, welche damit bezeichnet werden, spielen sich seit Auflösung des uralten Gemeinbesitzes an Grund und Boden immer in einem Gegensatz zwischen der ökonomisch beherrschten und der ökonomisch herrschenden Klasse ab. Sobald neue Produktivkräfte sich entwickelt haben, wird die alte Form der Klassenherrschaft immer unerträglicher, der Klassengegensatz wird zum Klassenkampf und damit ist die soziale Krisis da. Nun sind aber zwei Dinge möglich: entweder kommt
es zur Sprengung der gegenwärtigen Gesellschaft und Ueberführung in eine höhere Gesellschaftsform — oder die beiden
kämpfenden Parteien gehen gemeinsam zu Grunde. Die
treibende ökonomische Produktivkraft verursacht also nicht
nur die Leiden und Uebel der Zeit, sie trägt auch das
Heilmittel der Krisis und damit den rechten Weg der fortschrittlichen Entwickelung in sich. Es ist deshalb nach
Ein wissenschaftliches System, welches — wie der
Marxismus — von dem Grundsatz ausgeht, dass nicht die
Ideen die Geschichte beherrschen, sondern dass die Menschen
nach Massgabe ihrer Zeitverhältnisse die Ideen bilden, will
und muss vor allem mit jenen historischen Ereignissen
betrachtet sein, aus denen heraus seine Urheber dasselbe
abgeleitet haben. Und in diesem Zusammenhange wird
jede Kritik zugeben müssen, dass die Gewinne der englischen Fabrikanten in der ersten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts sich in der That recht häufig aus jenem Einkommen zusammengesetzt haben, welches Karl Marx als
Hätten sich Karl Marx und Engels darauf beschränkt, innerhalb dieser engeren Grenzen ihre Ausführungen zu halten, so würden ihre Gegner wenig Berechtigtes einzuwenden haben. Aber Marx und Engels traten mit dem Anspruche hervor, ihr „Mehrwert“ sei die letzte Quelle aller Formen des arbeitslosen Einkommens, welche es bis heute in der Gestalt von Unternehmergewinn, Zins, Grundrente, Handelsprofit u. s. w. gäbe, und ihre Theorien seien die einzig wahren Sätze der Nationalökonomie als Wissenschaft für alle Zeiten und Völker. Indem sie das alles behaupteten, haben sie allerdings den Boden der Berechtigung ihren Lehren entzogen, wie das heute unschwer nachgewiesen werden kann. Zunächst geht der Marxismus von der unrichtigen
Annahme aus, dass alle Kulturvölker dem Entwickelungsbeispiele Englands folgen würden, und
dass es deshalb genüge, die englischen Verhältnisse genau
zu studieren, um auch für alle übrigen Völker im Voraus
die rechten nationalökonomischen Theorien aufstellen zu
können. Die heute in Mitteleuropa erwachte Agrar- und
Mittelstandsbewegung bezeugt, dass diese Völker es entschieden ablehnen, die Bahnen Englands weiter zu
beschreiten. Je mehr sich diese Ideen klären, desto schärfer
Der Marxismus kennt und berücksichtigt ferner unter den Arbeitern nur die Lohnarbeiter und vernachlässigt vollständig die selbständigen Arbeiter, also den Mittelstand im engeren Sinne. Der Marxismus kennt nur die locatio conductio operarum, aber nicht die locatio conductio operis. Er kennt nur das, was die Griechen érgon nicht aber das, was sie apotélesma nannten. Er kennt nur das „Werken“, nicht aber die „planvolle Ausführung eines Werkes“. Er hat sich damit gewissermassen an den „Ausrufer“ gehalten und den „Redner“ ganz ausser Acht gelassen. Der Marxismus kennt ferner all jene Arbeitsberufe nicht, welche sich dauernd an die Gesamtheit anschliessen, deshalb unzweifelhaft volkswirtschaftlich produktiv sind und doch nicht direkt mit dem Produktions- oder Verteilungsprozess der Güter in Verbindung stehen. Wer so weite und wichtige Gebiete der Arbeit unbeachtet lässt, kann unmöglich eine befriedigende Nationalökonomie der Arbeit schreiben. Weiter beschränkt sich der Marxismus in recht unhistorischer Weise auf das Produktionskapital
und lässt das Handels- und Leihkapital, wie insbesondere
auch das Bank- und Börsenkapital vollkommen ausser Acht.
Die unmittelbare Folge ist, dass Karl Marx ganz übersieht,
wie häufig auch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sich die Gewinne der englischen Fabrikanten noch
aus ganz anderen Beträgen zusammensetzten, als aus jenen,
welche den Lohnarbeitern „abgeschunden“ wurden. Aus
Der Marxismus ist von der englischen Fabrik ausgegangen und in ihr stecken
geblieben. Die so hochinteressanten und volkswirtschaftlich äusserst wichtigen Gegensätze zwischen den
Verhältnissen der Industrie und der Landwirtschaft sind
Die von Marx aus einer ganz bestimmten Epoche der englischen Geschichte abgelesene Theorie der Verelendung der Arbeitermassen wurde nach der bahnbrechenden Beweisführung von Julius Wolf in seinem „Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung“ (Stuttgart 1892) auch von den Führern der Sozialdemokratie in Deutschland als heute nicht mehr zutreffend abgelehnt. Aber auch das noch so sehr beliebte Marx’sche Dogma von dem Klassenkampf ist unhaltbar. Zunächst war es eine durchaus unzuverlässig geprägte
Phrase, die französische Revolution als „Emancipationskampf
des dritten Standes“ zu bezeichnen. Die eindringendere
Geschichtsbetrachtung weiss heute, dass es sich in jenen
Vorgängen um wesentlich andere Aufgaben handelte. Das davon abgeleitete Schlagwort von der „Emanzipation des vierten
Standes“, welches die grosse soziale Aufgabe der Gegenwart und der nächsten Zukunft bezeichnen will, hat den
Irrtum seines Vorbildes um so viel mehr vergrössert, als
der Begriff der Lohnarbeit zu klein ist, um sich mit dem
volkswirtschaftlichen Begriff der Arbeit zu decken. Weiter
lehrt uns die Geschichte eines jeden Volkes, dass es unter
normalen, gesunden volkswirtschaftlichen Verhältnissen
keinen Klassenkampf giebt. Die Zeit der Klassenkämpfe
ist die Zeit der sozialen Krankheiten und Schmerzen. So
wenig aber gesagt werden darf, dass das Leben des
Menschen nur mit Schmerzen ausgefüllt sei, weil jeder
einmal krank wird und Schmerzen haben kann, ebensowenig kann man von der Geschichte sagen, dass sie nur
die Geschichte der Klassenkämpfe sei. Es ist ferner eine
Wir bewegen uns damit bereits auf dem Boden der materialistischen Geschichtsauffassung, mit welcher wir uns jetzt speziell noch beschäftigen wollen. Die vielgerühmte materialistische Geschichtsauffassung ist bis heute immer noch nicht an einer grossen zusammenhängenden Geschichtsdarstellung erprobt und erwiesen worden. Ihre Anhänger würden deshalb gut daran thun, diesen wesentlichen Mangel ihrer Beweisführung endlich einmal nachzuholen. Bis dahin ist man mit Stammler berechtigt, darauf hinzuweisen, dass das Bedürfnis des Sozialismus nach politischem Handeln, das die Entwickelung der Dinge sich keineswegs selbst überlassen will, im scharfen Widerspruch steht mit dem Prinzip der mechanischen Notwendigkeit, das die materialistische Geschichtsauffassung in die historische Bewegung einzuführen bemüht ist.
Der volkswirtschaftliche Körper wird bekanntlich als ein ethischer Organismus betrachtet, für den es gesunde und kranke Verhältnisse, gute und schlechte Entwickelungstendenzen giebt. Wie sollte der rein mechanische Faktor der materiellen Produktivkräfte ohne Kopf und Herz in der Lage sein, in diesen fortwährend uns begegnenden Eventualitäten in der Geschichte den rechten Weg zu wählen? Jede geschichtliche Disposition, welche allen Thatsachen des Geschehenen gerecht werden will, kann den
Menschen und sein verantwortliches Handeln nicht
entbehren, wobei freilich die Bedeutung des Einzelnen,
selbst im hervorragendsten Falle, gegenüber der Bedeutung
der äusseren Verhältnisse nicht überschätzt werden
darf. Das hat vielleicht niemand klarer und treffender ausgesprochen als der Fürstreichskanzler von
Bismarck in seiner Rede vom 1. April 1896, als er
von sich selbst sagte: „Ich bin eben in einer politisch
günstigen Zeit in Thätigkeit getreten, als ich die Masse
flüssig und zum Gusse fertig fand. Ich habe gethan,
was ich konnte, ohne Menschenfurcht und Selbstsucht, dass
der Guss rascher und sicher erfolgt ist. Der Staatsmann
kann nie selbst etwas schaffen, er kann nur abwarten und
lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse
hallen hört, dann vorspringen und den Zipfel des Mantels
fassen — das ist alles!“ Aber gerade dieses Handeln des
Schliesslich bietet ja auch die bisher zur Darstellung
gelangte Entwickelung der nationalökonomischen Wissenschaft einen guten Einblick in
die Natur und das Wesen der historischen Gestaltung.
Als im Mittelalter die äusseren Verhältnisse sich der Ausbreitung der Geldwirtschaft neben der Naturalwirtschaft
günstig zeigten, da stellten klug denkende Männer all jene
Mittel und Wege zusammen, durch welche der Staat diese
Weiterentwickelung wesentlich zu fördern in der Lage war.
Als dann mit dem Reichtum, dem Massenverkehr, der
besseren Verkehrs- und Produktionstechnik die Zeit gekommen war, dem spekulativen Privatkapital die Oberleitung
der volkswirtschaftlichen Verhältnisse zu überlassen, da
zogen Adam Smith und seine Schüler die entsprechenden
theoretischen Konsequenzen für Gesetzgebung und Politik,
praktische Staatsmänner verwirklichten diese Ideen, und erst
jetzt konnten sich die Wunder des kapitalistischen Zeitalters
zeigen. Inzwischen wurde in immer weiteren Kreisen beobachtet, dass der ehrlichen Arbeit die volkswirtschaftliche
Oberleitung durch das spekulative Privatkapital auf die
Dauer so teuer zu stehen komme, dass die glückliche
Weiterentwickelung der Gesamtheit damit in Frage gezogen
So bewähren sich also die Ideen des Marxismus vor einer eindringenden Kritik recht wenig. Dennoch wäre es durchaus unzutreffend, all dieser gewiss schwer wiegenden Beanstandungen halber das Lehrgebäude des Sozialismus kurzweg als einen „wüsten Trümmerhaufen“ zu bezeichnen. Trotzdem auch wir einen Anbau nach dem anderen bei näherer Untersuchung zusammengebrochen finden, bleibt doch noch ein stattlicher Rest des ganzen Gebäudes auf festem Fundamente stehen, der zur Hälfte allerdings schon aus früheren Zeiten stammt, zur anderen Hälfte aber in der That von Marx und Engels gebaut wurde. Und dieser dauernde Kern des sozialistischen Systems lässt sich etwa in folgenden Sätzen zusammenfassen: 1. Die beiden nationalökonomischen Lehrsysteme, welche
auf die meisten europäischen Völker ihren vollen Einfluss
ausüben konnten, sind das Merkantilsystem und das Freihandelssystem. Das Endziel dieser beiden Lehrmeinungen
ist der Reichtum und zwar zunächst der Geldreichtum und
dann der Reichtum an wirtschaftlichen Gütern überhaupt.
In diesem Zusammenhange bedeutet der Sozialismus den Uebergang aus der Nationalökonomie des Reichtums zur Nationalökonomie der menschlichen Arbeit — „Arbeit“ in jenem vollen Sinne des Wortes, in welchem „arbeiten“ „der Gesamtheit dienen“ heisst. Will man diesen Gegensatz durchaus im Rahmen der Güterwelt bezeichnen, so würde man zu sagen haben, dass es sich um den Uebergang aus einer Nationalökonomie des Reichtums als Besitz in eine Nationalökonomie des Reichtums als jährliches Arbeitseinkommen handelt — auch hier „Arbeit“ im vorbezeichneten vollen Sinne des Wortes verstanden. 2. Dieser Uebergang vollzieht sich nur in Formen, welche den „Kapitalismus“ beseitigen. Zu diesen Formen gehört nicht die Aufhebung des Privateigentums, was von einer Reihe von Sozialisten ausdrücklich bestätigt wird. Die „Beseitigung des Kapitalismus“ bedeutet im Grunde nur die Beseitigung des Wuchers jeglicher Art, welcher die redliche Arbeit in ihrem Einkommen kürzt. Hierzu hat der Marxismus folgende zwei hochwichtige Sätze der Methode gefügt:
4. Die dann zu ergreifenden Reformen aber, welche nicht auf eine blosse momentane Linderung, sondern auf eine vollkommene Heilung des Uebels von innen heraus gerichtet sein müssen, erschliessen sich in ihren leitenden Prinzipien nur für eine Betrachtung, welche den grossen historischen Entwicklungstendenzen mit vollem Verständnis folgt. Als die englische Freihandelslehre begann, auf dem europäischen Kontinent zur allgemeinen Herrschaft zu gelangen und sonst nur noch die Eventualität offen geblieben war, sich dem Sozialismus anzuschliessen, da waren es deutsche Nationalökonomen, welche der Erkenntnis der Wahrheit einen neuen selbständigen Weg öffneten. Friedrich List („Das nationale System der politischen Oekonomie“ 1841, 7. Auflage 1883) bekämpfte erfolgreich das Dogma von der internationalen Arbeitsteilung, welches auf dem besten Wege war, die Alleinherrschaft Englands auf industriellem Gebiete zu begründen. List lehrte, wie jede grössere Nation in der Lage sei, ihren „industriellen Arm“ neben dem agrarischen ebenso wie England zur harmonischen Entwickelung zu bringen und auf welche Weise in Zukunft eine bessere Ordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse den grossen Völkern möglich wäre. Rodbertus, Schäffle und Adolph Wagner haben die Lehren des Freihandels wie des Sozialismus einer gleicheindringenden Analyse unterzogen, die Irrtümer auf beiden Seiten aufgedeckt und die Wissenschaft durch neue Theorien und begriffliche Unterscheidungen und durch neue praktisch wertvolle Vorschläge bereichert. Was wir heute durch die Verstaatlichung der Eisenbahnen und die Arbeiter-Versicherungsgesetze gewonnen haben, führt sich zuletzt auf die wissenschaftlichen Arbeiten dieser Männer zurück. Keine Nationalökonomie der Zukunft wird Adolph Wagner’s „Grundlegung der politischen Oekonomie“ (3. Auflage 1892) und Schäffle’s „Kapitalismus und Sozialismus“ (1. Auflage 1870) entbehren können. Besonders anregend wirkten auch die Arbeiten des ideenreichen Lorenz von Stein.
Dieser schon fast unübersehbaren Speziallitteratur gegenüber machte sich bald das Bedürfnis nach Zusammenfassung
dieser Materialienfülle immer entschiedener geltend. Ihm
trugen in höchst dankenswerter Weise Rechnung: Schönberg’s „Handbuch der politischen
Oekonomie“ früher drei, jetzt fünf Bände, 4. Auflage 1895, das „Handwörterbuch der
Staatswissenschaften“ von Conrad, Elster, Lexis
und Löning, 2. Auflage sieben Bände 1901 und Elster’s
„Wörterbuch der Volkswirtschaft“ zwei Bände 1898. All
diese Sammelwerke sind durch das Zusammenarbeiten einer
grossen Zahl von Spezialgelehrten entstanden, wobei jeder
Einzelne seine freie wissenschaftliche Ueberzeugung ohne
Rücksicht auf die Anschauung seines Nachbarn zum Ausdruck brachte. Wesentlich ergänzt wird deshalb diese
Litteratur durch Spezialzusammenstellungen einzelner
Forscher wie von Böhm-Bawerk über „Kapital und
Kapitalzins“ 2 Bände 1884/89; Georg Adler, „Geschichte des Sozialismus und Kommunismus“ 1899, und
August Oncken, „Geschichte der Nationalökonomie“
1902. Georg von Mayr ist fortlaufend erfolgreich
Ein System aber, welches bestrebt wäre, unter Benutzung all dieser Forschungen die Summe der ökonomischen Konsequenzen aus den heutigen Zeitverhältnissen zu ziehen, um so der wirtschaftspolitischen Praxis in ähnlicher Weise vorzuarbeiten, wie das insbesondere Adam Smith und seine Schule für ihre Zeit gethan haben — giebt es heute nicht. Deshalb besteht noch zwischen Theorie und Praxis in der Volkswirtschaft eine höchst bedauerliche Spannung. Die Praxis kommt aus einer nervösen Unruhe mit Novellen auf Novellen nicht heraus. Die Theorie hüllt sich bei vielen wichtigen Fragen in tiefes Schweigen, oder sie ist voller Irrtümer und trägt dann nur zur Verschärfung der politischen Gegensätze bei, statt sie zu mildern und zu versöhnen. Dazu hier folgende Belege: 1. Die seit Jahrzehnten andauernde überwiegende Beschäftigung mit der Lohnarbeiterfrage und mit dem
Sozialismus hat die grosse Mehrzahl unserer heutigen Nationalökonomen so sehr in den Gedanken einer notwendigen
Zufriedenstellung der Lohnarbeiter versenkt, dass man
mit äusserster Zähigkeit auch noch die allgemeine
Wittwen- und Waisenversorgung der Arbeiter mit staatlicher Arbeitslosen – Versicherung anstrebt. Schon der
Fürstreichskanzler von Bismarck hat in der Kronratssitzung
vom 24. Januar 1890 betont, dass das ein durchaus falscher
Weg der sozialen Reform wäre. Julius Wolf hat sich
das Verdienst erworben, die Bedenken gegen diese Bemühungen
zusammen zu stellen. Wer die Bedeutung der annona und
der collegia in der römischen Geschichte kennt, den muss
bei solchen wirtschaftspolitischen Bestrebungen Entsetzen
2. Das so schlecht begründete Dogma vom Klassenkampf lässt die unseligen Lohnkämpfe der Arbeiter wissenschaftlich als einen natürlichen Zustand erscheinen, und deshalb waren so viele deutsche Nationalökonomen voll Eifer bei den Gegnern des sog. Arbeitswilligengesetzes. — Man kann gewiss verschiedener Meinung sein darüber, ob eine Handlungsweise bei einem Arbeiter mit Zuchthaus bestraft werden soll, welche von den offiziellen Vertretern der Nationalökonomie als durchaus korrekt und notwendig gelehrt wird. Soviel ist aber gewiss, dass aus dieser Spannung zwischen Theorie und Praxis hervorgeht, wie wenig genügend die nationalökonomische Theorie von der Bildung des Arbeitslohnes ist. 3. Fast überall begegnen wir den bedenklichsten Forderungen einer grosskapitalistischen
Proletarierpolitik. Der industrielle Export kommt ins Stocken. Sofort machen sich Bestrebungen geltend
zum Abschluss von noch günstigeren Handelsverträgen
auf Kosten der heimischen Landwirtschaft, damit noch
mehr Arbeiter in der Exportindustrie Verwendung finden,
von hier aus eine weitere Besserung der Verhältnisse
der Fabrikarbeiter bewirkt wird, die Proletarierbevölkerung
noch stärker zunimmt und unsere heimischen volkswirtschaftlichen Verhältnisse noch mehr von dem
Wohlverhalten des Auslandes abhängig werden. — Gerade
die eifrigsten Vertreter dieser Richtung behaupten, die
englische Geschichte besonders genau zu kennen. Und
doch gewinnt man den Eindruck, als ob sie die Geschichte
Englands während der napoleonischen Kriege niemals gelesen hätten. Und obgleich die neuesten Spezialuntersuchungen
die Richtigkeit der alten Malthus’schen Lehre immer
4. Die heutigen Nationalökonomen geben, mit wenigen hervorragenden Ausnahmen, den alten Mittelstand in Stadt und Land auf. Er soll in der modernen Zeit sich nicht halten können. Das schade indess auch wenig. An seine Stelle trete ein neuer Mittelstand, die besseren Angestellten in den grossen Unternehmungen u.s.w. Der Mittelstand wird so zu einem Einkommensteuerbegriff. Marcus Antistius Labeo und Aristoteles waren bekanntlich anderer Meinung. Für sie bestand das Wesen des Mittelstandes in der persönlichen Unabhängigkeit und in seiner Selbstverantwortlichkeit jedem Dritten gegenüber. Zwei Deutsche gehörten vor einigen Jahren als bessere Fabrikangestellte zu diesem neuen Mittelstande und waren in ihren Mussestunden eifrige Agitatoren des radikalen Sozialismus. Inzwischen ist der Eine nach Basel, der Andere nach Zürich gekommen. Dort ist es ihnen gelungen, sich als Gewerbetreibende zu verselbständigen und so in den alten Mittelstand einzutreten. Und siehe da — sofort hatten sie ihr monarchisches Herz entdeckt und wurden im Auslande geschickte Arrangeure der Festkommerse zu Kaisers Geburstag. Sollten nicht auch hier Labeo und Aristoteles der richtigen Anschauung sein? 5. Die deutschen Landwirte klagen über ungenügende
Preise für ihre Produkte. Sie wollen Preise, welche die
landesüblichen Produktionskosten decken. Das sind nach
Quesnay, Adam Smith, Malthus, Ricardo, Marx und Engels
„normale“ Preise. Eine ganze Reihe unserer heutigen
Nationalökonomen aber stellt sich hier auf folgenden Standpunkt: Diese Forderung der Landwirte ist eine Forderung
privater Interessen. Würde sie erfüllt werden, so würde
6. Bevor Minister Buchenberger mit seiner
unvergleichlichen Arbeitskraft in dem ausgezeichneten „Handbuch der politischen Oekonomie“ von Adolph Wagner
jene Massnahmen übersichtlich geordnet hatte, welche der
Staat zur Pflege der heimischen Landwirtschaft heute anwendet, bestanden unsere Universitätsvorlesungen über
7. Der Bericht der deutschen Börsenenquêtekommission
von 1893 enthält eine wissenschaftliche Einleitung von
Gustav Schmoller, in welcher die Sparkraft des
deutschen Volkes auf 2 bis 2 1⁄2 Milliarden Mark jährlich
berechnet wird. Damit rechtfertigt sich dann vollständig
die Grösse der Emissionen durch die deutschen Fondbörsen.
Der Frankfurter Bankier Cäsar Strauss
hat in der „Kreuzzeitung“ vom 27. und 28. Februar
1895 eingehend nachgewiesen, dass den deutschen Börsen
jährlich nur 450 bis 470 Millionen Mark als
effektive Sparanlage zur Verfügung stehen. Derselbe Fachmann in Fragen des Geld-, Börsen- und Aktienwesens hatte
schon im Jahre 1892 in seiner Schrift „Unser Depositengeldersystem und seine Gefahren“
dargelegt, dass die Emissionen der deutschen Börsen leider
die Sparkraft des deutschen Volkes ganz wesentlich
überragen und dass deshalb die deutschen Emissionsbanken zur Unterbringung ihrer gewaltigen Ueberemissionen
in einer höchst bedenklichen Weise den Wechselkredit in
der Form des sogenannten „Gefälligkeitswechsel“
anspannen. Wesentlich aus diesem Grunde hat dann die
Bank von England selbst die Wechsel der „Deutschen
Bank in Berlin“ zu kaufen abgelehnt. Und wesentlich
deshalb finden die Gründungs- und Emissionsepochen stets
in einer herben allgemeinen Krisis ihren bedauerlichen Abschluss. Die grosse deutsche Börsenenquête
von 1893 ist leider gerade an dieser Kernfrage unseres modernen Bank- und Börsen 8. In eben diesen „wissenschaftlichen Anlagen“ hat auch eine Abhandlung von Professor Dr. Gustav Cohn Aufnahme gefunden, in welcher ausgeführt wird, dass die Preisnotierungen der Getreideterminbörsen deshalb so grosse Bedeutung hätten, weil sie Landwirte, Händler und Müller über den wahrscheinlichen Verlauf der Preise in der nächsten Zukunft zuverlässig orientieren. In der Wochenschrift „Getreidemarkt“ hatte ich an der Hand der täglichen Marktereignisse wiederholt Gelegenheit, zu zeigen, wie in Zeiten intensiver Spekulation die Spekulanten an den Getreideterminbörsen in ihrem eigenen Interesse gezwungen sind, das Signal der voraussichtlichen Preisbewegung in den Börsenkursen in bewusster Weise falsch einzustellen. Wenn die Baissepartei den Markt beherrscht und die Preise dauernd fallen, dann werden die späteren Termine immer höher notiert, damit die weniger Unterrichteten möglichst viel Ware behalten und so das weitere Herabdrücken der Preise wesentlich erleichtert wird. Wenn die Haussepartei den Markt beherrscht und die Preise fortgesetzt steigen, werden die späteren Termine umgekehrt immer niedriger notiert, damit die schlecht Orientierten ihre Ware verkaufen und dann bei möglichst geringen Warenvorräten die Preise desto leichter weiter gesteigert werden können. U.s.w. u.s.w. Innerhalb des Kreises der studierenden Jugend hat
dieser Zustand unserer nationalökonomischen Wissenschaft
folgende Wirkungen: Gerade die Intelligenteren fühlen bald
heraus, dass die herrschenden Lehren sie nicht befriedigen
„Systeme? Haben wir denn andere? Dass der Marxismus diesen straffen, geschlossenen, einheitlichen Gedankenaufbau darstellt: das möchte ich gerade als seine grösste Bedeutung bezeichnen und dadurch wird er auch auf die Entwickelung der Sozialwissenschaft den dauernsten Einfluss ausüben: dass er uns zwingt zur eigenen Sammlung; dass er uns, wenn unser Geist zu irrlichtelieren beginnt, in die spanischen Stiefel einheitlicher Gedankenentwickelung zwängt. In unserer Zeit der Thatsachenvergötterung, des rückgradlosen Ecclecticismus auf dem Gebiete der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft dient uns der Marxismus als mächtige Orientierungs- und Warnungssäule.“ („Zukunft“ 1895 S. 70. ) Je nach Neigung und Veranlagung wird dann von den
Studierenden der Eine Sozialist, der Andere Pessimist.
„Es ist alles verloren — so heist es dann — Bauernstand,
Landwirtschaft, Mittelstand, nichts kann gerettet werden.
Die Hauptsache bleibt, dass wir wenigstens die Staats Für unsere Wissenschaft aber folgt daraus die ernste
Pflicht, so bald als möglich ein neues nationalökonomisches System zu schaffen. Die einfache
Zusammenfassung des bis heute produzierten Materials
giebt noch kein System, wie ja auch ein noch so grosser
Baumaterialhaufen noch kein Haus ist. Wie der Hausbau
von den Bedürfnissen der lebenden Menschen ausgeht und
darnach sein Material zusammenfügt, so muss auch ein
neues nationalökonomisches System in dem wirtschaftspolitischen Bedürfnis der Gegenwart seinen Schwerpunkt
finden, um darnach das Material der Spezialforschungen
zusammen zu stellen. Die Missstände im einzelnen sind
dabei niemals als Forderungen einer „Interessenpolitik“ aufzufassen, und die Beseitigung der Missstände ist nicht als
die Aufgabe eines „Interessenkampfes“ zu betrachten. Alle
Klagen der Einzelnen wollen vielmehr als Symptome
einer spezifischen Erkrankung der Gesamtheit verstanden sein und das
Reformprogramm zur völligen Beseitigung des Uebels will
aus den grossen Entwickelungstendenzen
der Volksgeschichte auf ihrem Wege aus der Vergangenheit in die Zukunft abgelesen werden.
Bei dieser schwierigen Untersuchung bietet die Geschichte
jener Völker, welche früher waren, gross geworden sind
und dann zu Grunde gingen, die allerwichtigsten Anhaltspunkte zur Auffindung der Wahrheit. Es liegen
Die Bewältigung dieser damit bezeichneten Aufgabe geht über die Arbeitskraft eines Einzelnen weit hinaus. Ich habe deshalb nach und nach 48 Mitarbeiter gewonnen, welche vor allem die Materiallieferanten für den Systembau waren und dann die Ueberprüfung der fertigen Konstruktion an der Hand der Quellen zu übernehmen geneigt waren. Ein in der bisher üblichen Weise selbständiges Arbeiten des einzelnen Mitarbeiters war schon darum nicht möglich, weil jeder weitere Abschnitt neue Anregungen für die vorhergehenden Abschnitte lieferte. So wurde mancher Teil mehr als zehnmal total umgearbeitet. Gleichzeitig waren die Umarbeitungen bemüht, die Ausführungen selbst auf den kleinsten Raum zu beschränken. Es sollte dem Leser vor allem die Uebersicht über das Ganze erhalten bleiben. Ursprüngliche Manuscripte von 300 und 400 Seiten sind so nach und nach auf 60 bis 80 Seiten und weniger zusammengerückt. Die Fertigstellung des Ganzen hat sich damit freilich verzögert. Ich glaubte indes im Interesse der Sache diesen Vorwurf ertragen zu sollen. Dafür bin ich auch heute in der Lage, bei der Drucklegung der ersten Zeile zu wissen, wie die letzte Zeile des Systems lauten wird. Aber — selbst all diese Anforderungen genügen noch
nicht für die Schaffung eines neuen Systems. Es ist vielmehr endlich notwendig, den rechten
konstruktiven Ausgangspunkt zu finden. Die bisherigen
nationalökonomischen Systeme hatten verschiedene Ausgangspunkte. Das Merkantilsystem ging vom
Geldreichtum aus, das physiokratische vom
Ich entscheide mich für das Getreide, um hier zunächst diese Wahl zu begründen, bevor wir uns den Studien über die ökonomischen Entwickelungsgesetze der Völker zuwenden, um dann abschliessend das Wesen der sozialen Krankheitserscheinungen der Gegenwart zu ermitteln und das Reformprogramm mit seinen ganz bestimmten Grundbegriffen und Grundprinzipien abzuleiten. *) 1 Quarter englischen Weizen zu 496 Pfund englisch und 1 £ zu 20,40 Mk. gerechnet. |
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